Wenn aus einer Hiobsbotschaft ein Gemeinschaftsprojekt wird
Wer den Luhrmannhof im Osnabrücker Stadtteil Gartlage betritt, spürt sofort, dass dies kein gewöhnliches Studierendenwohnheim ist. Der historische Bauernhof, umgeben von idyllischem Grün und alten Eichen, ist Heimat für 47 junge Menschen. Neben Studierenden leben hier auch Auszubildende. Den Hof macht heute weit mehr als seine naturnahe Lage aus. Hinter seinen Mauern spiegelt sich ein mutiges Experiment in Sachen Selbstverwaltung, Gemeinschaft und gelebter Demokratie wider.
Das Interview mit den Bewohnerinnen Lea (Psychologie-Master und angehende Psychotherapeutin) und Frieda (Computer-Science-Master) gibt einen tiefen Einblick in das Leben auf dem Hof, die Hürden der Vergangenheit und den großen Wert von Eigenverantwortung.
Der Schock und der Wendepunkt: Vom Wohnheim zur Selbstverwaltung
Die Wurzeln des Luhrmannhofs als studentischer Wohnraum reichen weit zurück: Bereits 1989 begann das Studierendenwerk mit der Sanierung des alten Bauernhofs, 1992 zogen die ersten Studierenden ein. Fast drei Jahrzehnte lang verlief das Leben in geordneten Bahnen – bis vor rund drei Jahren eine Nachricht einschlug wie eine Bombe.
„Im ersten Moment dachte ich: Das muss ein Scherz sein. Doch dann lag der Brief wirklich im Kasten“, erinnert sich Lea an den Tag, an dem das Studierendenwerk ankündigte, den Hof verkaufen zu wollen.
Für die Bewohner war klar: Der Luhrmannhof ist nicht bloß eine anonyme Unterkunft, sondern ein gewachsener Kulturraum. Aufgeben war keine Option. Eine engagierte Gruppe von Studierenden nahm das Heft selbst in die Hand. Ohne tiefere Vorkenntnisse über Immobilien, Finanzierung oder Bausanierung starteten sie das Projekt Selbstverwaltung.
Heute finanziert sich der Hof unabhängig. Das Kauf- und Sanierungskapital wurde überwiegend über private Direktkredite von Unterstützerinnen und Unterstützern eingeworben, die nun nach und nach aus den laufenden Mieteinnahmen abbezahlt werden.
Seit der Übernahme hat sich auch die Struktur geöffnet. Während früher ausschließlich Studierende auf dem Hof wohnten, teilen diese sich die zwei bis sieben Personen großen WGs mittlerweile auch mit Auszubildenden.
Was den Luhrmannhof besonders macht
Der Hof wirkt wie eine kleine Oase. Vogelgezwitscher im Frühling, das Rauschen des Osnabrücker Regens, ein riesiger Gemüsegarten und alte Apfel- sowie Birnenbäume bestimmen die Kulisse. Und doch ist man in nur 10 bis 15 Fahrradminuten mitten in der Innenstadt oder an der Universität.
Ob man sich spontan Mehl bei der Nachbar-WG leiht, gemeinsam kocht, auf der Wiese Tischtennis spielt oder am Lagerfeuer sitzt, das Miteinander geht weit über das gewohnte WG-Leben hinaus. Neben den 47 menschlichen Bewohnern bereichern derzeit drei Katzen, ein Hund sowie zwei Axolotl den Hof. Auch Insektenschutz und ein eigener Gemüsegarten (inklusive Garten-Workshops) gehören fest zum Alltag.
Wer auf den Luhrmannhof zieht, mietet nicht einfach vier Wände – man übernimmt Verantwortung. In Arbeitsgruppen (AGs) organisieren die Bewohner die Instandhaltung, Mietverträge oder die Öffentlichkeitsarbeit. Einmal im Monat diskutiert das Hofplenum demokratisch über wichtige Entscheidungen.
„Wir haben alles in der Hand. Damit tragen wir zwar die Verantwortung für Pflichten, haben aber auch enorm viel Freiheit. Es geht um Selbstgestaltung“, betont Lea.
Echte Demokratie und kleine Schattenseiten
Diese Freiheit bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Frieda bringt auf den Punkt: „Es sind super viele Aushandlungsprozesse, und es nimmt sehr viel Zeit ein.“ Da alle Entscheidungen gemeinsam und demokratisch getroffen werden, prallen auch mitunter sehr unterschiedliche Meinungen aufeinander.
Zudem bringt die historische Bausubstanz ihre Eigenheiten mit sich. Kleine Fenster sorgen an manchen Tagen für dunkle Räume und auch mit Nagerbesuch oder Feuchtigkeit muss man in einem alten Bauernhof umzugehen wissen. Doch für die Bewohner überwiegen die Vorteile bei Weitem, wie etwa die imposanten alten Eichenbalken im WG-Zimmer und das einzigartige Raumklima.
Außerdem birgt der Hof die Gefahr, in eine gemütliche, aber trügerische „Blase“ einzutauchen: „Es kann so schön und gemütlich hier sein, dass man gar nicht mehr das Bedürfnis verspürt, den Hof zu verlassen“, schmunzelt Lea. Genau deshalb setzt die Gemeinschaft heute verstärkt auf Austausch nach außen.
Der Blick nach vorn: Veranstaltungen und Nachhaltigkeit
Der Luhrmannhof ist ständig in Bewegung und blickt auf ein volles Jahresprogramm mit vielseitigen Veranstaltungen und Projekten. Eine Reihe von Aktionen gehören fest zum Jahreskreis. Ein großes Hoffest im Sommer, bildet einen der Höhepunkte. Der Hof freut sich über jeden neuen Besucher und jede neue Besucherin. Ergänzt wird das Programm durch ein herbstliches Event, einen stimmungsvollen Wintermarkt sowie einen Flohmarkt im Frühjahr.
Neben den etablierten Festen setzt der Hof auch auf neue Konzepte. Mit der Reihe „Stop Doomscrolling“ lädt die Initiative etwa einmal im Monat dazu ein, das Smartphone bewusst beiseitezulegen und im „offenen Wohnzimmer“ gemeinsam kreativ zu werden.
Darüber hinaus verändert sich der Luhrmannhof auch baulich weiter. Nachdem im vergangenen Sommer die Scheune in einen hellen, modernen Raum verwandelt wurde, steht nun das nächste Großprojekt an: Eine umfassende energetische Sanierung samt neuer Heizkonzepte und der Installation einer Photovoltaikanlage.
Fazit: Eine Erfahrung fürs Leben
Der Luhrmannhof zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn Menschen zusammenhalten. Für Lea war die Reise von der drohenden Schließung bis zur erfolgreichen Selbstverwaltung eine prägende Erfahrung: „Es hat meinen Blick darauf verändert, was man eigentlich schaffen kann. Es ist wie ein Grundverständnis von Demokratie: Wenn ich mich nicht einbringe, passieren Dinge, die ich vielleicht nicht will. Wenn ich mich aber einbringe, kann ich wirklich etwas bewegen.“
Ob der Hof auch in Jahrzehnten noch bestehen wird? Frieda und Lea sind sich sicher: Die Begeisterung für selbstbestimmtes Wohnen stirbt nicht aus. Der Luhrmannhof bleibt ein lebendiger Beweis dafür, dass alternative Wohnformen eine Zukunft haben.

