In einer toxischen Beziehung – mein Handy und ich


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6–9 Minuten

Social Media Detox, ein Erfahrungsbericht

Lauwarmer Entzug

2025 habe ich beschlossen, nicht mehr auf Instagram zu posten; keine Beiträge, keine Stories. Letzten Sommer habe ich meine Pause unterbrochen, während ich mit Freunden im Urlaub war. Vor einigen Monaten habe ich die App erneut gelöscht, nur um kurz später herauszufinden, dass man auch die Website nutzen kann… Ich dachte, das würde es besser machen. Nicht mehr die eigene Story 20-mal angucken und prüfen, ob alles richtig aussieht, auf die Dopaminschübe der Likes und Reaktionen verzichten. Sich nicht mehr inszenieren, sondern einfach das echte Leben genießen – genau hingucken, statt beim Konzert durch die Kameralinse zu schauen. Ich bin vom Spieler zum Beobachter geworden. Dem Algorithmus war es egal, ich habe weiterhin Likes verteilt, gescrollt; meine Präferenzen bekanntgegeben, um im nächsten Klick noch passenderen Content angezeigt zu bekommen. „Ich spiele da nicht mehr mit“, dachte ich. Doch schon längst waren Stille und Langeweile Fremdwörter für mein Gehirn geworden. Ich verspüre in wenig stimulierenden Momenten eine Unruhe, für die es keinen Grund gibt. Es sind Entzugserscheinungen. Ähnlich wie beim Nikotinentzug merkt der Körper, das da etwas fehlt, was man eigentlich nie gebraucht hat. Wir kompensieren den künstlichen Stress mit der „Droge“ selbst und meinen sie lindert unsere Symptome.

Entertainment to-go ist Bedürfnisbefriedigung, die uns mental verkümmern lässt. Ich möchte diesem Kreislauf ein Ende setzen.

Iphone Eltern und Ipad Kinder

Ihr wisst das alles schon. Das, was die Generation unserer Eltern noch nicht wusste: Wie süchtig das Handy macht, und wie schutzlos man dem Internet ausgeliefert sein kann. Ich hatte unkontrollierten Zugang zu YouTube, seitdem ich 12 bin. Im selben Jahr kam „tote Mädchen lügen nicht“ raus. Was ich durch Filme und Medien begegnet bin, war bestimmt nicht altersgemäß, aber eben kein Einzelfall. Die Serie ist mittlerweile ab 16 ausgeschrieben. Auf die möglichen Gefahren, die für Minderjährige im Internet lauern, vor allem auf Plattformen mit Chatfunktion, werde ich hier nicht weiter eingehen. Allerdings reicht manchmal ein Blick in einen Klassengruppenchat aus, um unruhig zu werden.

Im Jugendalter habe ich mir manchmal gewünscht, meine Mutter würde mir das Handy wegnehmen. Zu spät bin ich schlafen gegangen, zu oft getrödelt und vergessen, mit welcher Intention ich in mein Zimmer gegangen bin, bevor das Handy in der Hand war.

Ich war zwar kein IPad-Kind (ich war ein Playmobil und Nintendo Kind) allerdings möchte ich auch keine IPhone Mutter werden. Die Generation, die am wenigsten media literate ist, neben der Gen Alpha, ist die, für die das Internet auch „Neuland“ war. Sie konnten lange nicht nachvollziehen, warum die Jugend nur am Handy hängt… nun sucht die Jugend immer häufiger den Weg zurück ins Analoge – als eine Art Ästhetik, aber auch aus Melancholie an eine Zeit, die sie nur im Vorbeigehen gestreift hat. Damals musste man sich bewusst entscheiden, wovon man ein Foto macht, welche CD man auf Reisen mitnimmt und welchen Film man sich aus der Videothek ausleiht. Aus dem Auskosten des Vorhandenen wurde einen ständige Suche nach dem Besten, und ich fange den dritten Netflix Film an, den ich mit einem Auge verfolge, dann doch enttäuscht ausmache. Die Menge macht das Einzelne weniger wertvoll, austauschbar. Gefällt dir der Beitrag nicht? Scroll weiter. Früher musste man dann eben die arte Doku schauen oder die Glotze ausmachen.

Das Handy ist nicht das Problem, – es ist, wie wir damit umgehen. Aber wir benutzen es genau so, wie die Macher es sich wünschen. Immer dabei, immer online. Das, was das Internet so faszinierend macht, ist auch das, was ihm immenses Suchtpotential verleiht; Der Austausch mit Menschen. Allerdings ist dieses menschliche Verlangen nach Interaktion fehlgeleitet, sobald man aufhört real zu sozialisieren und sich stattdessen in Kommentarspalten verliert.

Wir sollten uns selbst so behandeln, wie wir unsere Kinder aufziehen würden. Aus „geh raus, spielen“ wurde „go touch some grass“, um auszudrücken, draußen spielt sich das wahre Leben ab. Einmal dort, isolieren wir uns nun durch Blickkontaktvermeidung und Kopfhörerkult. Die Vielfalt an Spielzeug hat sich vertausendfacht. In unserem Kinderzimmer breitet sich das endlose Internet aus. Und was früher im Haus blieb, ist nun portabel und jederzeit griffbereit. Früher hieß es: „Sorry, muss offline“, jetzt wird ständige Erreichbarkeit erwartet. „Warum lässt du mich auf `gelesen´?“. Ungewollte Nähe erzeugt mehr Distanz. „Sorry, ich brauch heute bisschen me-time“. Noch nie konnte man so schnell erfahren, was ein Freund gerade macht. Noch nie musste man dafür so wenig tun.

Wenn ich unter Freunden bin, brauche ich kein Handy, aber auf dem Weg zurück nach Hause fühle ich mich einsam und scrolle wieder. Meine Freunde fragen, wie es mit dem Detox läuft, ich schicke ihnen statt Reels nun Youtube shorts über Whatsapp… „geht so“, antworte ich. Ich will nicht auf interessante Beiträge verzichten, aber finde mich oft in einer endlosen Schleife von 15-sekündigen Clips wieder. Wir sind alle „high functioning addicts“. Gehen zur Uni, haben Freunde, alles ganz „normal“. Bis wir auf einmal doch nicht mehr funktionieren. Freunde mussten wegen Angststörungen oder Depressionen die Schule pausieren. Gleichzeitig wandern Diagnosen wie ADHS, OCD und Autismus in den alltäglichen Sprachgebrauch. Die mentale Krise der Gen Z hat nicht nur mit dem Handy zu tun, klar. Aber auch nicht wenig.

„Ist ja normal, es geht allen so…“ aber wie geht es uns? Stimmt es, dass wir uns weniger konzentrieren können oder haben wir nur Ausdauer verlernt?

Das Gehirn lernt immer

Warum rennt man einen Marathon? Weil es sich gut anfühlt, etwas Schweres zu schaffen. Die Komfortzone ist bequem, logisch. Die 6+ Stunden Screen Time Bilanz haut rein wie der Kater am nächsten Morgen. Wir neigen zur Prokrastination und alltägliche Dinge fallen uns schwer. Wir hören Musik oder Podcast, weil wir Motivation brauchen, um diese zu erledigen. Wir entwickeln uns scheinbar zurück…oder wir nutzen jetzt die Chance, resilienter denn je zu werden.

Wir trainieren unser Gehirn täglich, mit dem was wir tun. Gewohnheiten ändern sich durch genug Wiederholungen. Der zehnte Kilometer fühlt sich leichter an als der dritte und bald denkst du nicht mehr darüber nach, wenn du morgens aufstehst, ohne aufs Handy zu schauen. Dein Gehirn kreiert neue Verbindungen und du kommst auf Gedanken, für die vorher kein Platz war. Das, dem wir am meisten Zeit widmen, wächst immer weiter. Nur sollten wir uns bewusst sein, dass das Gehirn immer lernt, auch wenn wir das „Unkraut“ gießen.

Bewusster leben

In Zeiten, wo alles um deine Aufmerksamkeit kämpft, ist das radikalste was du tun kannst, bewusst zu konsumieren und zu verzichten. Nicht um deinen Charakter zu maximieren, sondern dich von Abhängigkeiten zu lösen und deinem Einfallsreichtum Raum zur Entfaltung zu geben.

Vielleicht ist dies kein Kampf gegen das Social Media Imperium und die Entertainment Industrie, sondern gegen meinen eigenen Schweinehund. Und vielleicht generalisiere ich, wenn ich behaupte, dass alle jungen Menschen darunter leiden. Ich glaube allerdings, dass viele leiden, ohne dies anzuerkennen. Handysucht hat die Normalität von „Ich trink nur nach Feierabend“ gewonnen. Und solange es dir egal ist, stecken sich die Unternehmen das Geld in die Tasche.

Es geht um mehr als nur deine Freizeitgestaltung. Die Handysucht führt nicht nur dazu, dass du tagsüber träge bist und nachts schlechter schläfst, sie verhindert auch das Wachsen ganz großer Ideen und Projekte, noch bevor sie keimen können. Du formulierst sie nie, weil du dir nie die Ruhe erlaubst, die es braucht, um in dich reinzuhören. Dein Potential geht verloren auf der Suche nach dem nächsten Dopamin-Kick.

Bei Momo sind es die Zeitdiebe – bei mir die sozialen Medien, die mich im Delirium halten und meine Zeit rauben. Zeit, die ich so viel besser nutzen, füllen und wertschätzen könnte. Auf einer Wiese in den Himmel blickend vergeht die Zeit so langsam. Im Alltag renne ich ihr gefühlt ständig hinterher. Ich wollte die Person sein, die rebelliert und analog geht. Doch es fällt mir schwer, nicht „up to date“ zu sein, mich nicht als letzte Ressource (ohne Insta und Tiktok) auf Youtube Shorts zu verirren und nicht wissen zu wollen, was Freunde posten. Im April 2025 erfüllten sich utopische Fantasien von einer Welt ohne Internet, als in Spanien und Portugal der Strom 16 stundenlang ausfiel. Warum sehnen wir uns danach, wenn wir doch jederzeit offline gehen könnten? Oder geht das nur, wenn alle mitmachen? Wir sprechen uns die geistige Autonomie ab; hoffen auf Bevormundung und träumen von Internet-Blackouts.

Auf dem Weg zur mentalen Stärke und in leiser Hoffnung auf eine kulturelle Revolution durch Gen Z schreibe ich diesen Artikel, nicht um zu belehren, sondern mich selbst zur Verantwortung zu ziehen. Es gibt vieles, was einen krankmacht, doch nur einen, der dich aus deinem Loch ziehen kann – du selbst.