JAPAN im Trend – ein überbewertetes Reiseziel?


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Ein Beitrag von Theresa Hacker


Japan erreichte im letzten Jahr eine Rekordzahl von 42 Millionen Touristen. Im Jahr 2024 waren es knapp 37 Millionen gewesen. Es gibt viele Gründe, warum Japan Touristen aus aller Welt anzieht. Seien es die ikonischen Sehenswürdigkeiten, wie der Mount Fuji und der Tokyo Tower, die historischen Shinto-Schreine oder moderne Produkte aus der Medien- und Spielwelt (Manga, Anime, Nintendo, Sanrio und co.). Der zudem noch schwache Yen macht es, nicht nur für Fans, leichter, Japan von der Bucket List abzuhaken. So sind europäische Länder wie Spanien, Italien und die Türkei zwar ungeschlagene Top-Reiseziele der Deutschen, doch könnte sich derjenige, der vorher über den Atlantik in den Urlaub geflogen ist, aufgrund aktueller Einreiserestriktionen der USA verleitet fühlen, stattdessen in den Osten zu fliegen.

Japan wurde in den letzten Jahren medial zu einem Trend-Reiseziel. Im Internet findet man endlose Memes, im Stil „was tun mit Mitte 20: Master machen -oder- nach Japan reisen“. Die Masse an Travel Guides und Japan Tipps wird gekontert mit Kritik gegenüber der Romantisierung eines Landes, welches es geschafft hat, sich im digitalen Zeitalter völlig neu zu vermarkten. So gibt es seit Beginn der 2000er Internet-Slang für Menschen, denen unterstellt wird, sie seien „wannabe Japanese“ („wapanese, „weeaboo“, „weeb“) heißt, sie haben ein „obsessives“ Interesse an der japanischen Kultur und Sprache, ihr Verständnis vom Land sei aber zu stark von Anime, Manga und Co. beeinflusst, wodurch ihre Einschätzungen als irreführend und realitätsfern bezeichnet werden. Wenn man als „Japan-Fan“ dann endlich ins echte Japan reist, wird man jedoch kaum enttäuscht werden. Der negative Kulturschock bleibt zunächst aus. Anders war es für zahlreiche japanische Touristen in den 80ern, deren Vorstellung der französischen Hauptstadt so romantisiert und die Realität hingegen so ernüchternd war, dass sie körperliche Beschwerden empfanden. Daraufhin prägte der Psychiater Hiroaki Ota das „Paris-Syndrom“. Ähnliches könnte in einer deutschen Großstadt passieren, wenn man nur vorher genügend Samen romantisierter Vorstellungen pflanzt. Europäische Großstädte können ihre Schwachstellen nicht so leicht verstecken und versuchen es vielleicht auch gar nicht erst. Japan ist nicht perfekt, aber auf den ersten Blick schon fast.

Wie lange muss man sich in einem Land aufhalten und wie tief muss man in seine Kultur gedrungen sein, um dessen Nuancen zu begreifen und ein faires Abbild geben zu können? Ich kann nicht behaupten, dass ich irgendeine Kultur, nicht einmal meine eigene, völlig durchdringen kann, jedoch möchte ich hier über meine Erfahrungen in Japan berichten und Einblicke, in die mir von Japanern wiedergegebenen Lebensrealität, geben.

nantonaku suki // „Je ne sais quois“

Was macht Japan so attraktiv? Die Atmosphäre.

Viele Besucher erfreuen sich an der ruhigen höflichen Art der Japaner. Auch über die pünktlichen Züge, in denen kaum gesprochen wird und der wiederum ausgelassen Trinkkultur, kann ein Deutscher „nicht meckern“. In Japan ist man aufmerksam und besonnen. Geraucht und getrunken wird trotzdem. Besonders das Rauchen ist stark reguliert, im Freien meist verboten. Anders als bei uns gilt der öffentliche Raum vor Rauch zu schützen, aus Rücksicht vor den Mitmenschen. Dafür findet man speziell ausgewiesene Raucherbereiche oder Lokale mit Raucherräumen. Struktur und Ordnung reguliert auch das Zwischenmenschliche. Das klingt erdrückend, ist aber für ein eingespieltes Volk und ihren internalisierten Werten einfach Alltag. In Japan scheint alles glatt zu laufen und an seinem Platz zu sein. Diese Harmonie wirkt auf das ungewohnte Auge einfach und selbstverständlich, ist aber genau das Gegenteil: ein Produkt von sozialer Norm und Kontrolle. Die makellosen Straßen und Toiletten säubern sich nicht von selbst. Es benötigt eine Kultur, die das Kollektivbewusstsein stärkt und Rücksichtnahme über Allem stellt – und zahlreiche Reinigungskräfte. In den Nächten in der Partymeile Tokios sieht man Männer auf den Straßen liegen, die auf den ersten Zug wartend eingeschlafen sind (zwischen Mitternacht und 5 Uhr fahren keine Züge). Die Straßen sind voller Müll und leeren Dosen. Nach einigen Stunden, wenn der neue Arbeitstag beginnt, ist davon nichts zu sehen.

Respekt bedeutet Distanz

Die extreme Freundlichkeit, mit der Service-Arbeiter einem begegnen, ist nie tagesformabhängig, sondern die Norm und wird von der japanischen Kundschaft erwartet. Diese zuvorkommende, leicht unterwürfige Haltung als immanenter Teil der Dienstleistung findet man in Deutschland erst ab einem gewissen Preisniveau – oder gar nicht. Das Machtgefälle ist bei uns deutlich flacher, öfter zeigen Bahnmitarbeiter, Kassierer und Co. ihre authentischen (oft schlechten) Launen. In Japan ist der Kunde nicht nur König, er ist wie ein Gott (kami-sama). Der Service-Mitarbeiter setzt die Freundlichkeits-Maske auf, um seine niedere Rolle zum Ausdruck zu bringen.

Als Tourist ist es leicht, zu glauben, ein Leben sei woanders unbeschwerter. Besonders in Japan, denn da gönnt man sich ein Mittagessen für 6 Euro (derzeitiger Mindestlohn dort) und genießt die einwandfreien Zuganbindungen und kostenlosen öffentlichen Toiletten. Man erkauft sich den Luxus der Unbeschwertheit und muss nicht mit einem Dauergrinsen auf der anderen Seite der Kasse stehen oder komplexe kontextuelle Normen und Höflichkeitsformen beherrschen. Es ist leicht als Ausländer negativ aufzufallen, wenn man diese nicht kennt. Allerdings ist die Komplexität ihrer Ordnung (in der sie manchmal selbst den Überblick verlieren) den Einheimischen bewusst und makelloses Verhalten wird von „gaijin“ (leicht abfällig; Ausländer) nicht erwartet.

Bei der Aufzählung der Schattenseiten Japans kommt man um folgende Themen nicht herum: Überstunden und Lohn, die japanische Mafia, Suizidquoten und sexuelle Belästigung. Beiträge und Dokus dazu findet man im Internet zur Genüge, ich werde daher nicht weiter auf diese eingehen.

Viele Auswanderer beschreiben, das Leben sei ein anderes, wenn man erst einmal versucht Fuß in dieser Gesellschaft zu fassen. Integration hat ihre Grenzen. Man wird immer auffallen als Ausländer, selbst Japaner die lange Zeit woanders gelebt haben, gelten nicht mehr als ganz Japanisch. In dieser kollektivdenkenden Gesellschaft soll sich das Individuum der Masse fügen und mit dem Strom fließen. Als Zugezogener ist dies fast unmöglich. Man wird immer (allein optisch) auffallen. Die Japaner schätzen es umso mehr, wenn sich ein Ausländer die Mühe macht, die Sprache, dieser einst kulturell abgeschotteten Insel, zu lernen.

Uniformität beginnt im jungen Alter, die japanische Mentalität spiegelt sich in der Kleidung der Schüler wider. Hier werden Jungs und Mädchen modisch nach Geschlecht getrennt. Sie laufen schon im Grundschulalter in kleinen Gruppen gemeinsam zur Schule. In den Sommerferien können sie Stempel sammeln, wenn sie um 6:30 Uhr den Morgensport „radio taisou“, eine 10-minütige feste Reihenfolge an Aufwärm-/Dehnübungen, auf dem Schulhof absolvieren. Sticker oder Süßigkeit als Belohnung für eine volle Stempelkarte reichen als Anreiz, um früh morgens aufzuwachen. Dieses Ritual wird auch außerhalb der Sommerferien praktiziert, allerdings von Seniorengruppen, die sich in Parks oder auf Parkplätzen versammeln. Japans hohe Lebenserwartung ist sicherlich die Folge einer Ansammlung gesunder Gewohnheiten wie dieser. Oft wird in diesem Zusammenhang von Japans Ernährung gesprochen, doch was mich beeindruckt, ist die Gemeinschaft, die durch diese Routinen aufrechterhalten wird. In einem Alter, in dem es schwerfällt aus dem Haus zu kommen und soziale Beziehungen zu pflegen, wirkt diese Morgenroutine der Vereinsamung entgegen. Trotz der Stärken dieser sozialen Gefüge liegen die Gefahren des Anderssein oder des „im Strom untergehen“ auf der Hand.

Die Zeit zwischen Schulabschluss und erster Anstellung, das Studium, wird für viele als der erste Geschmack wahrer Individualität empfunden. Man darf sich endlich die Haare färben, Ohrringe stechen und dem eigenen Stil freien Lauf lassen. Nach den 4 Jahren, die man am besten nicht überschreiten sollte, da die Studiengebühren hoch sind und „Gap Years“ von Arbeitgebern nicht gern gesehen werden, gliedert man sich erneut optisch ein. In Anzug und Krawatte fährt man zur Rushhour im vollen Zug zur Arbeit. Die Frauen tragen in großen Firmen heute noch Bleistiftrock und hochhackige Schuhe. Eine Freundin erzählte mir, dass die Lehrerinnen an ihrer (privaten) High School diese jedoch nur auf dem Arbeitsweg tragen und, in der Schule angekommen, für bequemere Sandalen tauschen – Das Image soll nach außen gewahrt werden. Ähnlich zu vielen modernen Industrieländern ziehen die meisten Japaner für die Arbeit in die Großstadt. In Tokio lebt man dann in einer Ein-Zimmer Wohnung und fühlt sich oft einsam aufgrund der Anonymität und Gleichgültigkeit, die der Hauptstadt und dessen zugezogenen Bewohnern nachgesagt wird.

Ist Japan den Hype wert?

Surreale Erwartungen in Form von Idealisierung jeglicher Art bieten eine hohe Fallhöhe auf die Realität. Nach dem vermeintlichen Hype um Japan, spielte mir mein Algorithmus Content von der Gegenposition zu, die mir erklären wollte, warum Japan doch so problematisch sei. Das Pendel schwingt zurück – es ist fair zu sagen, die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Wer auf der Suche nach einem „perfekten“ Urlaubsziel ist, wird in Japan den Schein einer Idylle finden können. Wer jedoch ein Land sucht, welches frei von historischen Konflikten und Gräueltaten, Unsicherheiten und Schattenseiten ist, der wird wohl immer wieder von der Realität enttäuscht werden müssen.

Befreit von schwarz-weiß Denken und wertenden Urteilen, können wir uns an dem Positiven ein Beispiel nehmen und das Negative neutral anerkennen. Was prägt die Gesellschaft, was verbindet die Menschen, was funktioniert besser als bei uns und was können wir lernen? Wenn Menschen im Netz oder im Alltag von Reisezielen schwärmen, muss man nicht im nächsten Atemzug sie vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Einen schönen Urlaub zu haben tut einfach gut. Genauso wie von den positiven Erfahrungen von Austauschstudenten in Deutschland zu hören. Eindrücke von einem Land, dessen Charme man als Einheimischer oft zu übersehen vermag.

Nach einer jeden Reise kann man sicher sein, seine Heimat mit anderen Augen sehen zu können und ein neues Bewusstsein für das Alltägliche, längst als normal empfundene Leben zu entwickeln. Dafür muss man nicht bis nach Japan reisen – doch aus dem Haus zu gehen, lohnt sich alle mal.