Schon im August 2025 lud das Junge SympOSium zur studentischen Tagung »Je est [sic!] un(e) auteur« Autobiographisches Schreiben und Autofiktion in Literatur und Medien ein. Die literarisch-interdisziplinäre Tagung bot Vorträge von Studierenden aus Deutschland, Österreich und Spanien. Was es zu hören gab und wie die Vorbereitungen abliefen, lest ihr hier.
Ein Beitrag von Levi Berger, Samara Budde, Vincent Jakubowski, Klara Juhl (Junges SympOSium)
An einem Donnerstag in der vorlesungsfreien Zeit ruht das Schloss weitestgehend verlassen in der Osnabrücker Innenstadt, der gelbe Anstrich leuchtet in der Nachmittagssonne. Im Innenhof stehen dicht an dicht Plastikstühle, später werden hier Menschen sitzen und einen Film schauen. Es ist kein außergewöhnliches Bild im Osnabrücker Sommer. In zwei Räumen im Schlossgebäude jedoch verdichtet sich die Luft vor Anspannung und Vorfreude. Vier Studierende – das sind wir: Levi, Sam, Vincent, Klara – haben in den letzten Monaten eine studentische Tagung organisiert. Wir haben eingereichte Abstracts gesichtet, eine gut frequentierte E-Mail-Adresse gepflegt und ein knapp 60 Seiten umfassendes, kollaboratives Planungsdokument erschaffen. Das Ergebnis: Hinter dem Tagungstitel “Je est un(e) auteur – Autobiographisches Schreiben und Autofiktion” verbirgt sich nun ein Programm mit 15 Vorträgen, das sich nicht auf germanistische Perspektiven beschränkt, sondern einen interdisziplinären Ansatz verfolgt.
Ein paar Tage vor dem Kongress halten wir den ausgedruckten Flyer in der Hand, fühlen uns sehr professionell und gut vorbereitet. Zweifel liegen freilich in der Natur der Sache, zumal wir wissenschaftliche Tagungen zum Teil gar nicht, zum Teil nur aus der Außenperspektive kennen: Haben wir wirklich an alles gedacht? Werden die Teilnehmenden gut ankommen? Ist die Lesung am Freitagabend ausreichend vorbereitet, wird der Autor seinen Weg zum Ledenhof finden? Viel Zeit bleibt für diese Fragen nicht. Ehe wir uns versehen, sitzen wir zum ersten Mal mit den Teilnehmenden zusammen. Einer Sorge können wir uns rasch entledigen: Das Eis brauchen wir nicht zu brechen – es scheint gar nie da gewesen zu sein. Dabei kannten sich nur wenige Studierende vorher; sie sind angereist aus ganz Deutschland, aus Wien und sogar aus Salamanca in Spanien. Wir finden uns in einer Gruppe von motivierten und offenen Menschen wieder, die auf die beste Art und Weise ganz unterschiedlich sind. Vom Bachelor bis zum Ende des Masters sind alle Studienphasen vertreten. Es ist genau das, was wir uns erhofft haben: Einen Raum zu eröffnen für vielfältige studentische Perspektiven, in welchem die Teilnehmenden das wissenschaftliche Arbeiten ohne Leistungsdruck ausprobieren können. Nach einem ersten Kennenlernen, einem Einführungsvortrag in kleiner Runde und einem gemeinsamen Abendessen bei Ragazzi ist klar: Wir hätten uns dafür keine bessere Gruppe wünschen können.

So starten wir am Freitag denn auch freudig und gespannt in den ersten öffentlichen Vortragsblock. Die Interdisziplinarität der Beiträge bereichert die Tagung ungemein. Diese Wahrnehmung scheint die Gruppe zu teilen, erhält eine Teilnehmende doch bereits am ersten Abend für ihr euphorisches, zugegebenermaßen überspitztes Kommentar – „alles andere als interdisziplinäre Kommentare sind Quatsch” – zustimmendes Nicken aus allen Ecken des langen Restauranttisches. Wir hören Vorträge aus der Geschichte und der Mediävistik. Wir diskutieren über autobiographische Lyrik und Pseudoautobiographien. Virtuelle Influencer:innen, Poetikvorlesungen – alles findet seinen Weg in den Tagungsraum und passt trotz vermeintlicher thematischer Distanz doch immer zur Autobiographie und Autofiktion. So erklärt uns zum Beispiel Ainhoa aus der Perspektive der Cognitive Science, welchen Einfluss Bilingualität auf das autobiographische Gedächtnis hat: Wir erfahren, dass wir in unserer Zweitsprache mit einer höheren emotionalen Distanz von eigenen Erlebnissen berichten können.
Die Vorträge sind so abwechslungsreich – ich kann mich nicht erinnern, während der Tagung einmal aus Langeweile auf die Uhr geschaut zu haben. Zwischen den einzelnen Blöcken legen wir kurze Kaffeepausen ein, in denen wir uns austauschen, besser kennenlernen und mit den Gästen reden, die zum Zuhören gekommen sind und über deren Anwesenheit wir uns ausgesprochen freuen. Der Tag rauscht folgerichtig an uns vorüber.

Scheinbar ganz plötzlich verkünden dann auch die Zeiger: Es ist 19 Uhr, die Lesung im Renaissancesaal des Ledenhofs beginnt. Im Rahmen der Tagung liest Yannic Han Biao Federer aus seinem autobiographisch geprägten Buch Für immer seh ich dich wieder. Vincent moderiert die Veranstaltung, die öffentlich ist und zu der mehr Menschen kommen, als wir erwartet haben. Das Thema ist kein leichtes; der Text erzählt vom plötzlichen Tod eines ungeborenen Kindes. Was das Buch beim Lesen schafft, prägt auch die Atmosphäre im Saal: Yannic liest, und da ist viel Schmerz, viel Liebe und leiser Humor, der die nachdenkliche Stille im Publikum durch vereinzeltes Lachen unterbricht. Man möchte zum Schluss trotzig fragen, warum das Leben manchmal so unfair ist und wie die Welt mit so viel Trauer weiter funktionieren soll. Man begreift aber auch die Wärme, die in Trost und Freundschaft liegt. Und versteht, wie wichtig es ist, über Tod und Verlust zu sprechen.

Am Samstag hören und diskutieren wir die letzten vier Vorträge der Tagung. Noch einmal erkunden wir die Autobiographie aus Blickwinkeln der Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaften und dann machen wir Fotos, sitzen in einer gemeinsamen Abschlussrunde und lassen die vergangenen Tage Revue passieren. Wir sind (und das ist wohl nicht übertrieben) überwältigt von den positiven Rückmeldungen der Teilnehmenden und davon, wie engagiert alle Beitragenden waren. Um die Atmosphäre zu beschreiben, muss man sich nicht zwischen den Attributen wertschätzend und produktiv entscheiden – die Stimmung in der Gruppe war stets beides. “Ihr seid alle richtig krass”, resümiert Levi. Eine Frage steht dann doch noch zur Debatte: War es richtig, den Fokus so entschieden auf studentische Beiträge zu legen? Schließlich haben wir zuhörende Dozierende im Vorfeld darum gebeten, nicht an den Diskussionen und Fragerunden teilzunehmen. Wir sind uns im Grunde einig: Ja, das war zunächst eine gute Idee. Einige Teilnehmende haben gerade durch dieses Format den Mut gefasst, sich zu bewerben und einen Vortrag zu halten. Nichtsdestotrotz steht am Ende der Wunsch, die Gedanken und Forschungsinteressen von Studierenden und Dozierenden in Zukunft konstruktiv zusammenzubringen und beide Welten nicht nur getrennt voneinander zu denken.

Der Abschied fällt allen schwer, wenn er auch hoffentlich nicht auf ewig ist: Der Vorschlag einer Wiederholung, vielleicht an einem anderen Ort, wird mehrmals geäußert. Vorerst gehen wir erschöpft, zufrieden und bereichert nach Hause, jede:r mit einer eigenen, ganz neuen Perspektive auf die Schlagworte Autobiographie und Autofiktion.
Eine Anmerkung zum Schluss: Bei der Vorbereitung und Durchführung der Tagung und Lesung haben wir großzügige Unterstützung erhalten. Wir danken Dr. phil. Jens Peters vom Literaturbüro Westniedersachsen und Prof. Dr. phil. Olav Krämer und Anton Bröll vom Institut für Germanistik. Ohne unsere Kommilitonin und Freundin Vanessa Geibel-Lane wären wir außerdem nicht so wunderbar verpflegt worden – und auch menschlich hätte einiges gefehlt. Der Felicitas und Werner Egerland-Stiftung danken wir für die großzügige Förderung der Tagung.

