Wie Du Wohngeld beantragst (und überlebst)


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Meine drei Lehren aus sechs Monaten Bürokratie

Finanziell sah es im November 2024 düster bei mir aus – meine Nebenjobs warfen nicht mehr so viel Geld ab, Bafög und KfW-Darlehen war nicht (mehr) drin und meine Familie konnte plötzlich auch nicht mehr unterstützen. Würde ich bald noch die Miete zahlen können?

Mein Gedanke: Nicht verzagen, Wohngeld beantragen. Denn in solchen (relativ alternativlosen) Ausnahmefällen haben Studis auch einen potentiellen Anspruch auf die staatliche Sozialleistung1. Der Online-Antrag bei der Stadt lief einfacher als gedacht: einen kurzen Fragebogen ausfüllen, verifizieren, fertig2. Erleichtert lehnte ich mich zurück und freute mich über die scheinbar erfolgreiche Erschließung des Neulands3. In meiner naiven Vorstellung würde ich schon in wenigen Wochen eine Antwort, vielleicht sogar schon eine Bewilligung erhalten – gerade in einer Zeit, wo die Bundesregierung mehr Menschen Wohngeld ermöglichen will4.

Doch 6 Monate und einen Tag, 140 Seiten Unterlagen (Eigengewicht: 550g) und viele, viele Überprüfungen später weiß ich: I couldn’t have been more wrong. Ein Wohngeldantrag ist kein Sprint, sondern ein Marathon. An dessen Ende stehen für mich drei wichtige Lehren, die ich aus dieser Kraftanstrengung gezogen habe. Hier teile ich sie mit Dir, falls Du mal in diese Situation kommen solltest.

Lehre Nummer 1: Verdiene mindestens doppelt so viel wie Du Miete bezahlst

Mein wichtigster Rat: Sei nicht zu arm für Wohngeld! Klingt nach einem Witz, aber die kuriose Wahrheit ist: Wer in Osnabrück (und auch sonstwo) staatliche Unterstützung für die Miete erhalten will, muss schon zum Antragszeitpunkt ein Mindesteinkommen nachweisen können. Vom Wohngeld sollst Du schließlich deine Miete bezahlen und nicht etwa Essen kaufen – so zumindest der Gedanke des Gesetzgebers.

Noch kurioser hierbei – dein Mindesteinkommen richtet sich erst einmal nicht danach, was Du tatsächlich zum Leben ausgibst oder benötigst, sondern nach gesetzlich festgelegten Regelbedarfen – für mich errechnete die Behörde einen stolzen Wert von 990 Euro monatlich. Wer also sparsam lebt, wenig Geld für Luxusgüter ausgibt und damit unter dem Mindesteinkommen bleibt, muss sich einer Plausibilitätsprüfung durch die städtische Abteilung Wohngeld unterziehen – and that one is no joke.

Über Monate hinweg erbaten die Sachbearbeiter in einem mal mehr, mal weniger freundlichen Ton Auskunft über alle erdenklichen Aspekte meines finanziellen Lebens. Neben Kontoauszügen, Lohnabrechnungen, Arbeitsverträgen und Einkommenssteuererklärungen wurde ich auch aufgefordert, alle möglichen Auffälligkeiten ausführlich und wiederholt zu erklären. „Warum verdienten sie bei Job A im Oktober 20% mehr als sonst üblich (Ich habe mehr Stunden gearbeitet)?“ „Wie erklären sie die 300 EUR, die sie am 20. Oktober eingezahlt haben (Ich habe eine Kamera verkauft)?“ „Erklären Sie, wie viel bezahlen Sie für Internet und Kleidung? Führen Sie bitte aus, wie Sie mit einem geringen Einkommen Ihren Lebensunterhalt bestreiten können.“ Daraufhin sendete ich ein Schreiben ab, in dem ich ausführte, häufig Sonderangebote im Supermarkt zu nutzen und meine Kleidung günstig auf Flohmärkten zu kaufen.

So eine Überprüfung kann mental durchaus herausfordernd sein, besonders, wenn man sich sowieso schon in einer finanziellen Ausnahmesituation befindet. Ständig schwebt der Verdacht über dir, dass Du doch noch irgendwo Geld verheimlichen könntest. Daher mein erster Rat – verdiene genug, um deine Miete neben allen anderen Kosten komfortabel tragen zu können! Dabei muss nicht alles Einkommen aus eigenem Broterwerb sein – auch Unterhalt durch Familie oder deine Ersparnisse können dazu zählen.

Lehre Nummer 2: Beantrage früh genug und bereite Unterlagen vor

Auch wenn Du genug verdienst und deinen Unterhalt bestreiten kannst, kann die Bearbeitung deines Antrages viel Zeit in Anspruch nehmen. Allein bis zur ersten Antwort der Abteilung Wohngeld dauerte es nach Antragstellung bei mir drei Wochen und die Stadt selber räumt ein, dass „aufgrund [einem] stark erhöhtem Antragsaufkommen und einer Programmumstellung […] die Bearbeitungsdauer aktuell bei bis zu 4 Monaten ab Antragstellung [liegt]“5. Das Leben ist oft unvorhersehbar – in Sachen Wohngeld eine höchst unpassende Realität.

Warte also nicht bis zum letzten Moment. Wenn Du absehen kannst, dass in zwei, drei Monaten das Geld knapp wird, wird es Zeit, sich um den Antrag zu kümmern. Damit die Bearbeitung schneller geht, solltest Du auch schon viele Unterlagen parat haben, die sowieso von Dir angefordert werden. Dazu gehören natürlich die Imma-Bescheinigung und eine Kopie deiner Bankkarte sowie ein Bafög-Negativbescheid (beim Studierendenwerk nachfragen!). Ganz wichtig ist auch die Mietbescheinigung deines Vermieters.

Zusätzlich werden wahrscheinlich auch alle Lohnabrechungen des vergangenen Jahrs und ein Mietzahlungsnachweis des Monats, in dem der Antrag eingegangen ist, gefordert. Wie gesagt: Auch ohne Wohngeld musst Du deine Miete eigentlich schon zuverlässig bezahlen können, sonst wird der Antrag komplex.

Mit dieser Vorbereitung kannst Du direkt alles abschicken und sparst dir wertvolle Wochen in der Bearbeitungszeit.

Lehre Nummer 3: Suche dir Unterstützung

Dieser gesamte Prozess erfordert natürlich viel mentale Energie. Lasse Dir helfen, wenn Du glaubst, dass Du aktuell nicht mehr mitkommst oder einfach eine weitere Person zur Unterstützung brauchst. Die Rechtsberatung des AStA6 kann für dich genauso eine Anlaufstelle wie die Sozialberatung des Studierendenwerks7 sein.

Persönliche Meinung

Dass der Umgang mit unserem Staat nicht selten spezielle Fähigkeiten und geradezu strategisches Denken seiner Einwohnenden voraussetzt, sagt aus meiner Sicht schon viel über die (gefühlte) Beziehung zwischen den einzelnen Akteuren aus. Dabei bleibt zu sagen, dass Du auch ohne diese Lehren erfolgreich Wohngeld beantragen kannst – nach sechs Monaten Bearbeitungszeit ist es bei mir ja ebenso geschehen.

Ohne diese Voraussetzungen wird es jedoch wesentlich stressiger und langwieriger. So langwierig, dass sich in der Zwischenzeit wieder viele Dinge geändert haben können. Zwei Tage nach meinem Bescheid habe ich so ein Jobangebot erhalten, wodurch ich wesentlich besser verdiene. Das Schreiben vom Fachbereich Wohngeld kam prompt: Ich solle doch Unterlagen nachreichen. Um nachzuweisen, dass ich die einzige Zahlung im Mai 2025 auch rechtmäßig erhalten habe.

  1. https://www.studis-online.de/studienfinanzierung/wohngeld.php ↩︎
  2. https://serviceportal.gemeinsamonline.de/Onlinedienste/Service/Entry/WOGEMIZUEA ↩︎
  3. https://www.tagesspiegel.de/politik/merkels-neuland-wird-zur-lachnummer-im-netz-4403470.html ↩︎
  4. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/wohngeldreform-2130068 ↩︎
  5. Persönliche E-Mail der Stadt Osnabrück, 19. Juni 2025 ↩︎
  6. https://www.asta.uni-osnabrueck.de/service/rechtsberatung ↩︎
  7. https://www.studentenwerk-osnabrueck.de/de/beratung/sozialberatung.html ↩︎