Osnabrücks dunkles Erbe: Eine Stadtführung auf den Spuren der Hexenverfolgung


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Die Hexenverfolgung war in der frühen Neuzeit – und nicht, wie oft angenommen, im Mittelalter – ein weitreichendes Phänomen in Europa und besonders in Deutschland. Dabei wurden schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Menschen ermordet – 80 % davon waren Frauen. Um auf dieses Thema aufmerksam zu machen, organisierte die Initiative „Feminist Resistance“ im Rahmen des feministischen Frühlings Ende April eine Stadtführung zu diesem Thema, zu dem unsere Zeitung eingeladen wurde. Durch über 250 dokumentierten Verurteilungen allein in Osnabrück zwischen 1490 und 1640 (die Dunkelziffer ist wohl deutlich höher), ist das Thema in der ehemaligen Hansestadt von großer Bedeutung und darf nicht in Vergessenheit geraten.

Während der Führung wurden an bestimmten historischen Stellen, die mit den Prozessen in Verbindung stehen, die Hintergründe dieser Orte erläutert. Die häufigsten Anklagepunkte gegen die Beschuldigten waren die Verbreitung von Krankheiten, das Vergiften von Brunnen (oder das Hineinklettern), das Verkehren mit dem Bösen oder die angebliche Teilnahme an einem „Hexentanz“ um Mitternacht. Lag eine Anschuldigung vor, wurden die Prozesse auf dem Rathausvorplatz abgehalten und auch nach angeblichem Beweis der Schuld die Hinrichtungen durchgeführt. Die Verfolgung ging dabei meist von der Stadt- oder Dorfverwaltung aus und nicht wie häufig angenommen von der Kirche. Jedoch spielte die Kirche eine wichtige Rolle dabei, das Vorgehen religiös zu begründen.

Um die Schuld der meist Angeklagten Frauen zu beweisen, wurden brutale Methoden wie die die sogenannte Wasserprobe angewandt. Dabei wurde die Beschuldigte nackt und gefesselt in die Hase geworfen. Tauchte sie wieder auf, galt sie als schuldig. Man könnte annehmen das zumindest ein Nicht-Auftauchen als Beweis der Unschuld gegolten hätte, doch stattdessen wurde dies so ausgelegt, dass die Schuld lediglich nicht beweisbar sei. Die gängige Hinrichtungsmethode, bei angeblicher Schuld, war mehrheitlich das Verbrennen – eine Praxis, die man damals mit religiöser „Reinheit“ begründete. Glückliche hatten das „Privileg“ eine Schwarzpulver-Halskette zu tragen, welche das Leid schneller beendete.    

Es stellt sich folglich die Frage, wie eine so grausame Praxis von der frühneuzeitlichen Gesellschaft Europas akzeptiert wurde. Wahrscheinlich spielten schwerwiegende historische Ereignisse hier eine zentrale Rolle. Die zahlreichen Todesopfer von Kriegen wie dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) sowie von Krankheiten wie der Pest, Typhus oder Pocken machten die Bevölkerung anfälliger für klare Feindbilder, die man für diese Ereignisse verantwortlich machen konnte.

Ein Grund dafür, dass das Feindbild oft „die Hexe“ war, liegt im Einfluss des Buches „Hexenhammer“. Es wurde 1486 erstmals gedruckt und war bis Ende des 17. Jahrhunderts mit rund 30.000 Exemplaren weit verbreitet. In diesem Werk rechtfertigte der deutsche Theologe und Inquisitor Heinrich Kramer die Hexenverfolgung – und fand damit, wohl auch wegen der genannten gesellschaftlichen Krisen, großen Anklang.

Am Ende der Führung wurde dann nochmal halt an einer Gedenktafel gemacht, die an der Stelle des abgerissenen „Hexenturms“ in der Nähe der Hase errichtet wurde. An dieser Stelle wurde vermehrt die beschriebene „Wasserprobe“ durchgeführt. Für das Design und die Platzierung setzte sich das Unternehmen L&T in Zusammenarbeit mit der Stadt Osnabrück ein. Sie steht unter dem Titel „Frauen wie wir“ und setzt sich aus historischen Fakten zu der Hexenverfolgung sowie Bildern heutiger Frauen zusammen, wohl um das Thema greifbarer zu machen. Auch wenn dieses Denkmal – als eines der wenigen in Osnabrück zu diesem Thema – das Bewusstsein für die Hexenverfolgung stärkt, empfinden viele das Design als zu kitschig und dem ernsten historischen Hintergrund nicht angemessen.

Obwohl die Ermordung von Frauen unter der Beschuldigung eine Hexe zu sein, im Jahr 1782 durch die Hinrichtung der Schweizerin Anna Göldi in Europa endete, ist dieser Aberglaube nicht aus unserer Welt geschafft. Noch heute gibt es „Hexenjagden“ in Südamerika, Indien, Mexiko, Philippinen, Ghana sowie anderer afrikanischer Länder. Immer noch werden Tausende Frauen verfolgt, gefoltert und getötet. Deshalb ist es umso wichtiger, weiter auf dieses Thema aufmerksam zu machen und der zu Unrecht verurteilten und ermordeten Menschen zu gedenken.