von Nicola Harzen
Orientierungslosigkeit, Überforderung und keine Ahnung, an wen man sich wenden soll? Viele Studierende fühlen sich während ihres Studiums mit genau diesen Problemen konfrontiert. Die Zentrale Studienberatung Osnabrück bietet in solchen Fällen Unterstützung. Aber wie läuft so ein Beratungstermin eigentlich ab? Kann mir mit meinem Anliegen überhaupt geholfen werden? Und was rät die Beratung Studierenden, die sich aktiv in einer Krise befinden? Im Interview mit der Studienzeitung beantwortet Christine Kammler von der Zentralen Studienberatung Osnabrück genau diese Fragen und liefert Einblicke in ihre Arbeit.
Frau Kammler, können Sie sich und Ihre Rolle in der Zentralen Studienberatung einmal vorstellen?
Ja, gerne. Mein Name ist Christine Kammler. Ich bin seit 2008 an der Universität Osnabrück beschäftigt. Bis 2022 war ich im Gleichstellungsbüro tätig und war dort verantwortlich für den Familien-Service. Seit 2022 arbeite ich als Studienberaterin, also tatsächlich noch gar nicht so lange. Seit 2017 habe ich außerdem auch die Beauftragung für Studierende mit Behinderung und chronischen Erkrankungen. Die Beratung ist in allen Bereichen mein Kerngeschäft.
Die Zentrale Studienberatung ist eine gemeinsame Einrichtung von Universität und Hochschule. Wir beraten also Studieninteressierte und Studierende auf verschiedenste Weise. Es gibt z. B. eine digitale Gruppenberatung für internationale Studierende einmal monatlich oder den Hochschulinformationstag (HIT), der jährlich im November stattfindet. An den Hochschulorientierungstagen, den sogenannten HOTs laden wir zweimal im Jahr ganze Schuljahrgänge an Hochschule und Universität ein, informieren über das Studienangebot in Osnabrück und Lingen und geben auch Workshops zur Studienorientierung. Ein großer Teil meiner Arbeit ist allerdings die terminierte Einzelberatung, weil viele individuell über ihr Anliegen sprechen möchten. Diese Beratungsangebote bieten wir persönlich vor Ort an, per Telefon oder auch per Videokonferenz, wenn Interessierte eine lange Anreise haben. Unter Corona hat sich auch der Beratungsspaziergang etabliert. Dieses ist gerade bei schwierigen Themen ein geeignetes Format. Im Gehen fällt das Sprechen über vielleicht emotionale Aspekte leichter. Wir haben also ein breites Aufgabenspektrum.
Mit welchen Ängsten und Sorgen kommen Studierende denn Ihrer Erfahrung nach am häufigsten zu ihnen?
Das ist häufig – gerade, wenn es Richtung Studienzweifel geht – natürlich einmal Misserfolg, durch den man merkt, dass ein Studiengang vielleicht doch gar nicht so gut zu einem passt. Oft ist es auch nur ein unklares Bauchgefühl, z. B. im ersten Semester, wenn man sich denkt: „Um Gottes Willen, wo bin ich denn hier gelandet?“. Dann geht es darum, zu schauen, ob das vielleicht nur Anfangsschwierigkeiten sind, weil der Bruch von Schule und Studium sehr groß ist. Und da versuchen wir mit den Orientierungsangeboten entgegenzuwirken. Es gibt z. B. an Universität und Hochschule jeweils ein Schnupperstudium, wozu wir immer einladen, wenn man sich für einen Studiengang interessiert. Außerdem haben wir noch das Angebot „Studi für einen Tag“, da wir immer wieder die Erfahrung machen, dass gerade Erkenntnisse aus erster Hand für Studieninteressierte von immensem Wert sind. Weitere Themen sind häufig auch Anpassungen, z. B. hat man zwei Fächer gewählt, merkt aber, dass einen andere Fächer vielleicht mehr interessieren oder eine andere Kombination vielversprechender erscheint. Für den Studienbeginn gibt es an der Hochschule die flexible Studieneingangsphase. An der Universität hilft das OSKA+ Programm bei der Orientierung in der Anfangszeit.
Erleben Sie auch, dass Studierende mit anderen Themen wie psychischen Problemen im Studium oder Stress in der Familie zu Ihnen kommen? Wie gehen sie damit um?
Das passiert durchaus. Gerade durch die Beauftragung habe ich auch viel Kontakt zu Studierenden mit chronischen Erkrankungen. Häufig sind auch psychische Erkrankungen dabei. Manchmal sind wir auch mit Studierenden oder Studieninteressierten konfrontiert, die in einer Notlage sind. In solchen Fällen haben wir eine Liste an Notfallnummern, z. B. die der Ameos-Klinik. Richtig akute Fälle haben wir aber eher selten. Ansonsten verweisen wir auch immer an die psychosoziale Beratungsstelle. Die PSB kann kurzfristig Termine anbieten, das ist oft hilfreich, gerade auch, wenn es um die Suche nach einem Therapieplatz geht.
Haben Sie in den letzten Jahren irgendwelche Veränderungen der Art der Probleme bemerkt oder sind die Themen über die Zeit gleichgeblieben?
Tatsächlich fällt auf, dass sich nach der Corona-Pandemie Fragen der Berufsorientierung verändert haben. Natürlich hat Corona für viel Isolierung gesorgt, wodurch vieles an Kommunikation auf der Strecke geblieben ist. Gerade bei SchülerInnen, die ihre Berufsorientierung unter Corona hatten, fehlte oftmals praktische Erfahrung. Daher ist es für die Betroffenen umso wichtiger, sich auszuprobieren und nachzufragen. Ich habe dieses Jahr beim Hochschulinformationstag häufiger die Rückmeldung bekommen, dass die Studieninteressierten wieder mehr fragen und proaktiv werden. Die Lehrenden haben den Eindruck, dass sich die Scheu langsam wieder abbaut.
Was würden Sie Studierenden raten, die unsicher sind, ob sie eine Beratung in Anspruch nehmen sollen?
Ich würde immer sagen, wenn das Bedürfnis da ist, irgendwo nachzufragen, dann fragen Sie nach. In unseren Vorträgen haben wir auch immer eine Folie mit Anlaufstellen der Universität und Hochschule, z. B. vom International Office, dem Gleichstellungsbüro, der Schreibwerkstatt, dem Learning Center, den ASTAs etc. Es ist auch häufig so, dass Studierende irgendwo anfragen und dann immer weiter verwiesen werden. Häufig ist das Anliegen nicht klar oder es erschließt sich nicht, welche die richtige Anlaufstelle ist. Deswegen machen wir in der Beratung auch immer eine Anliegenklärung. Ich kann also nur empfehlen, die Studienberatung aufzusuchen, sobald das Bedürfnis dazu besteht. Auch wenn man nur nicht weiß, an wen man sich wenden soll, ist das eine berechtigte Frage.
Ich habe nun ein konkretes Anliegen und melde mich bei Ihnen. Wie kann ich mir den Ablauf der Beratung vorstellen?
Das ist auf unterschiedlichsten Wegen möglich. Häufig werden vormittags von 10 bis 12 Uhr kurze Fragen besprochen. Wenn klar wird, dass es sich um ein Anliegen handelt, dessen Klärung mehr Zeit benötigt, vereinbaren wir einen Termin. Viele schreiben uns auch an und bitten direkt um einen Termin. In der Beratung geht es dann zunächst um die Anliegenklärung. Dann berichten die Ratsuchenden normalerweise erstmal von ihrer Thematik. Generell fußt unser Beratungsverständnis auf einer wertschätzenden Haltung gegenüber den Ratsuchenden. Die Beratung ist ergebnisoffen, vertraulich und richtet sich sehr nach dem, was die Ratsuchenden mitbringen und wie viel sie preisgeben möchten. Wir unterstützen grundsätzlich die Selbstwirksamkeit der Personen und schauen, was geeignete nächste Schritte sind. In der Regel erarbeitet sich die Person die Lösung selbst und wir unterstützen auf dem Weg dahin.
Gibt es irgendwelche besonderen Tools oder Techniken, mit denen Sie arbeiten?
Viele von uns haben eine systemische Beratungsausbildung. Um komplexe Zusammenhänge zu verdeutlichen, kann die Technik der Visualisierung hilfreich sein, oder auch das Stellen von Situationen, z. B. mit Schleichtieren als Hilfsmittel. Da unser Team sehr heterogen ist, haben wir aber häufig auch ganz unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten.
Wie begleiten Sie Studierende nach der Erstberatung weiter?
In der Regel stellen wir während der Beratung eine E-Mail zusammen und sammeln wichtige Links, da es durch die Fülle an Informationen oft hilfreich ist, sich im Nachhinein nochmal alles in Ruhe anzuschauen. Wir bieten dann immer an, dass man sich gerne melden kann, wenn weitere Fragen auftauchen. Und das passiert auch durchaus. Es gibt Personen, die nochmal nachfragen oder bei komplexen Anliegen ein zweites oder drittes Mal kommen. Gerade wenn es um Studienzweifel oder schwierige Themen geht, frage ich im Anschluss, ob ein nächster Termin vereinbart werden soll oder ob die Person alles erst einmal sacken lassen und sich dann ggf. melden möchte.
Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Studierenden nach einer Beratung?
Es gibt durchaus mal eine besondere Rückmeldung mit einem Dankeschön. Häufig wird auch nach dem Gespräch direkt zurückgemeldet, dass es sehr hilfreich war und über Aspekte gesprochen wurde, die die Person vielleicht noch gar nicht bedacht hat. In der Regel haben wir eher nur einen Kontakt oder zumindest wenige Folgekontakte. Es ist jedenfalls kein dauerhaftes Setting, bei dem man sich über einen längeren Zeitraum regelmäßig trifft.
Sie hatten ganz am Anfang gesagt, dass sie auch Gruppenberatungen anbieten. Haben Sie noch weitere besondere Angebote?
Wir bieten Orientierungsworkshops zur Studienwahl an. Außerdem haben wir ein Gruppenberatungsangebot für internationale Studieninteressierte und in der Bewerbungsphase auch für Interessierte an einem Lehramtsstudium. Darüber hinaus bieten wir Vorträge mit verschiedenen Schwerpunkten an, wie z. B. „Studieren mit oder ohne Abitur“ und grundsätzlich auch Infovorträge zum Studium in Osnabrück und Lingen, zum Lehramtsstudium und zu weiteren Themenbereichen. Ich biete außerdem zweimal im Jahr eine Infoveranstaltung für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen an. Da schauen wir uns z. B. an: Was gibt es für Angebote? Was ist ein Nachteilsausgleich? Welche Anlaufstellen gibt es noch im Studium?
Sie haben ja die Spezialisierung für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Wie sieht da speziell die Beratung aus?
Dieser Aufgabenbereich ist völlig unterschiedlich an den einzelnen Hochschulen aufgesplittet, z. B. schreiben manche Beauftragte auch Empfehlungen für Nachteilsausgleiche. Das mache ich nicht. Ich berate zur Organisation des Studiums und zum Nachteilsausgleich. In der Beratung versuche ich, mit den Studierenden Bedarfe zu ermitteln, sprich: Was wäre aus deren Perspektive nötig, damit sie chancengerecht in Prüfungssituationen ihre Leistung abrufen können.
Was würden Sie Studierenden raten, die sich akut überfordert oder in einer Krise fühlen?
Ich würde auf jeden Fall raten, sich jemandem mitzuteilen oder nachzufragen, an wen sie sich wenden können. Es gibt Anlaufstellen für akute Krisen, die helfen können. Bitte mit den Sorgen nicht alleine bleiben!
In welchen Fällen verweisen Sie an externe Hilfestellen?
Wenn es im Rahmen der Studienberatung nicht mehr besprochen werden kann. Wir haben eine Liste mit externen Hilfestellen und verweisen dann an die jeweiligen Einrichtungen. Und je nachdem, wie akut es ist, würden wir auch die Vermittlung direkt in die Wege leiten. Aber das ist abhängig davon, in welcher Situation sich die ratsuchende Person befindet.
Sie haben mir jetzt schon einen guten Einblick in Ihren Beruf geben können. Aber was hat Sie überhaupt motiviert, in diesen Bereich zu gehen, und was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?
Beratung ist einfach mein Thema und gerade in der Zentralen Studienberatung ist es die Vielfalt an Themen und Formaten, die ich spannend finde. Mein Job macht mir am meisten Spaß, wenn ich merke, dass Studieninteressierte oder auch Studierende für sich einen Schritt weitergekommen sind und ich da einen Impuls geben konnte. Sei es in der Studienwahl, Studienorientierung oder auch in einem anderen Anliegen.
Gibt es eine Botschaft, die Sie den Studierenden noch mit auf den Weg geben möchten?
Immer wenn das Bedürfnis da ist zu fragen, dann fragen Sie! Das muss kein großes Anliegen sein, weil wir häufig auch einfach den Weg weisen, an wen man sich in bestimmten Situationen wenden kann oder wer überhaupt zuständig ist. Wir können da immer Impulse geben.

