Eine Rezension
von Timo Diener
Zwischen Weihnachten und Neujahr ist die einzige Zeit im universitären Jahr, in der wirklich Pause herrscht. Ich verbringe diese besondere Zeit wie jedes Jahr mit meiner Familie im beschaulichen Ostfriesland und finde hier endlich die Muße, mich dem angehäuften Bücherstapel des vorigen Jahres zu widmen. In diesem Jahr stand Steffen Maus Buch “Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt” ganz oben auf meiner Leseliste.
Auch nach über 34 Jahren der Wiedervereinigung haben aktuell die drei ostdeutschen Landtagswahlen – Sachsen, Thüringen und Brandenburg – wieder schmerzlich an die vermeintliche Andersheit des Ostens erinnert. In einigen Mittagsgesprächen wird von zynischen Kommilitonen die Wiedererrichtung der Mauer als anzustrebendes Ziel ausgerufen; bei Gesellschaftsspielen im Kreis der Familie wird die Kategorie “auf einem ostdeutschen Dorf” als Erklärung für ein unbeliebtes Urlaubsziel angeführt. Kurz: Der Osten genießt einen schlechten Ruf.
Jenseits des nicht unbegründeten Klischees des rechtsextremen Ostens versucht Steffen Mau, die anhaltenden Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland zu erklären. Seine zentrale These dabei ist, dass sich die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland verstetigen werden, also auf absehbare Zeit erhalten bleiben. Dies sei per se gar nichts ungewöhnliches, da es auch in anderen Gebieten Deutschlands ausgeprägte regionale Bewusstheiten gibt – wie beispielsweise im Saarland oder in Bayern. Wenn über eine Angleichung gesprochen wird, muss also zunächst geklärt werden, welche Unterschiede überhaupt problematisch sind.
Hier lässt sich sicherlich anführen, dass der Vermögensunterschied – westdeutsche Haushalte besitzen etwa doppelt so viel Vermögen wie Haushalte im Osten – eines der größten Probleme ist. Aber auch die ausbleibende Elitenbildung im Osten, weil vielfach Führungskräfte aus dem Westen diese Positionen übernehmen, sei ein großes Problem, da so die Erzählung des “Die-da-oben-und-wir-hier-unten” sich weiter in die Gesellschaft fortschreiben konnte. Mau analysiert in seinem Buch aber auch unbekannte und wenig offensichtliche Phänomene: So gebe es in Ostdeutschland einen signifikanten Männerüberschuss, da vorwiegend Frauen die Binnenmigration in den Westen ergreifen. In Sachsen-Anhalt kommen auf 100 Frauen 115 Männer. Gerade in diesen Gebieten hat die AfD als Partei gekränkter Männlichkeiten besonders hohen Zulauf.
Diese kleine Auswahl problematischer Unterschiede schafft ein höheres Verständnis der Unterschiede zwischen Ost und West. Steffen Mau bleibt allerdings nicht bei dem Aufzeigen der Problemlagen stehen. Er zeigt auch vielversprechende Lösungsansätze auf. So ist – zunächst vielleicht als problematisch anzusehen – die Parteibindung im Osten wesentlich schwächer ausgeprägt als im Westen. Dies liege daran, dass das Demokratieverständnis im Osten viel stärker als im Westen aus den Erfahrungen der Straßenproteste rührt. Das Gefühl des Zu-Kurz-Kommens lässt sich zumindest in Teilen auch aus der großen Distanz großenteils westdeutsch geprägter Parteien zu ostdeutschen Bürgern erklären. Abhilfe könnten hier neu erprobte direktdemokratische Elemente wie Bürgerräte leisten. Der Osten würde in der Vorstellung von Steffen Mau zu einem Reallabor neu erprobter Demokratie werden, bei dem in mehreren Versuchen die optimale Ausgestaltung und Implementierung der Bürgerräte in das demokratische System ausgetestet werden kann. Sich dabei bewährte Methoden könnten dann auch in den Westen exportiert werden. So würden diese Bürgerräte einen verspäteten Beitrag der Ostdeutschen zur Vitalisierung des demokratischen Lebens im gesamten Gebiet Deutschlands leisten und der Osten hätte eine Chance, seine demütigende Erfahrung, als Verlierer zu den Siegern zu wechseln, loszuwerden.
Angesichts der immer schwieriger werdenden Koalitionsbildungen – die dann das Potential haben, den Missmut der Bevölkerung auf die Politik weiter zu steigern – kann sich die demokratische Öffentlichkeit über solche Vorschläge wie jenen von Mau nur freuen. Mutlose Vorschläge, wie jene, man müsse die eigene Politik nur besser erklären, haben angesichts der gravierenden Probleme ihre Überzeugungskraft verloren. Steffen Mau entwickelt in seinem Buch kluge und innovative Ideen, wie sich das Projekt der Demokratie auch für die Zukunft weiter schreiben lässt und kommt damit genau zur rechten Zeit. Man kann nur hoffen, dass seine Vorschläge breit rezipiert und diskutiert werden.

