Die Nutty Putty Höhle: Wie ein Abenteuer zum Albtraum wurde


von

Lesezeit:

4–7 Minuten

von Nicola Harzen


Ich werde hier sterben. Ich komme hier nicht mehr raus, oder?

John Edward Jones‘ letzte Worte

Bei der Ausarbeitung unserer neuen Kolumne „Rabbit Hole der Woche“ musste ich sofort an eine Geschichte denken, die mich schon lange nicht mehr loslässt. Es ist sozusagen mein Rabbit Hole des Jahres. Alles begann, als ich letzten Dezember abends aus Langeweile meinen Youtube-Feed durchstöberte. Ich stieß dabei auf ein Video mit dem ominösen Titel „Caver Trapped forever: The Nutty Putty Tragedy“1.

„Oh Gott, klingt das schlimm“, dachte ich mir. Die nächsten 15 Minuten waren somit gerettet. Obwohl ich in meinem bisherigen Leben so gut wie keine Berührungspunkte mit sogenanntem „Caving“ (dt.: Höhlenwandern) hatte, klickte ich gespannt auf das Video. Die Vorstellung, dass Menschen sich freiwillig durch zentimeterbreite Höhlenschächte quetschen und dabei jederzeit von tonnenschweren Gesteinsmassen begraben werden könnten, war für mich unbegreiflich. Aber genau dieses beklemmende Gefühl war wahrscheinlich der Grund, weshalb ich mir in der darauffolgenden Woche jedes erdenkliche Video zum Thema Caving anschaute. Doch es ist die tragische Geschichte von John Edward Jones in der Nutty Putty Höhle, die mich bis heute bewegt.

Ein Irrgarten aus Stein und Ton

Die Nutty Putty Höhle wurde 1960 in der Nähe von Salt Lake City in Utah entdeckt. Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar. Der Einstieg – ein kleines Loch von etwa 70 cm Durchmesser – lässt bereits erahnen, was einen unter der Erde erwartet. Labyrinthartige Gänge, oft nur wenige Zentimeter breiter als ein menschlicher Brustkorb, schlängeln sich über 400 m tief in die Erde hinein. In vielen Passagen kommt man nur robbend oder kriechend voran. Trotzdem galt sie lange Zeit als Anfängerhöhle und war äußerst beliebt bei Pfadfindern und Touristen. Mehrere Tausend Besucher stellten sich jedes Jahr der Herausforderung.

So auch John Edward Jones, einen 26-jährigen Medizinstudenten und Vater, der am 24. November 2009 zusammen mit seinem Bruder und einer Gruppe von Freunden die Höhle betrat. John war ein erfahrener Caver. Seine letzte Höhlenerkundung lag jedoch schon Jahre zurück. Es sollte daher nur ein kleines Abenteuer werden. Ein harmloser Ausflug, um vor den Feierlichkeiten des Thanksgiving-Wochenendes noch einmal dem Trubel zu entfliehen.

Ein fataler Fehler

Um 8 Uhr abends betrat die Gruppe die Höhle. Sie erkundeten zunächst den ersten Abschnitt des Höhlensystems – „The Big Slide“ –, die keinem der Abenteurer zu viel abverlangte. John und sein Bruder wollten daher eine anspruchsvollere Aufgabe. Sie hatten von einem Höhlenabschnitt mit dem Namen „The Birth Canal“ gehört. Eine sehr schmale, röhrenartige Passage, die sich nach einiger Zeit wieder zu einem größeren Raum öffnet. Die Entscheidung war gefallen und John stellte sich als Erster der Herausforderung. Er schlängelte sich nach und nach in die immer enger werdende Passage hinein. Doch er ahnte nicht, dass er, ohne es zu wissen, eine falsche Abzweigung genommen hatte. Er befand sich nicht im „Birth Canal“, sondern im „Eds Push“, einem Abschnitt, der kaum erkundet war und in einer Sackgasse endete. Die Passage wurde immer schmaler, das Vorankommen immer beschwerlicher. Doch John wusste, dass er nur weiter vorankommen musste. Irgendwann würde sich die Passage wieder weiten. In der Hoffnung, endlich die größere Kammer erreicht zu haben, drückte sich John in eine Öffnung im Boden, kaum breiter als sein eigener Körper. Erst als er sich fast komplett durch die Öffnung gequetscht hatte und die Wände ihn von allen Seiten umschlossen, merkte er, dass die Passage unten nicht weiterging. Doch für einen Rückzieher war es zu spät. Er steckte kopfüber fest.

Ein Bild, das Text, Karte, Schrift enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Sein Bruder Josh fand ihn wenig später. Doch jeglicher Versuch, ihn zu befreien, war aussichtslos. Josh versuchte mehrfach, John an den Füßen herauszuziehen. Doch die Hebelwirkung war zu schwach. Nach einiger Zeit eilte Josh daher zurück durch die Höhle, um draußen die Polizei zu rufen. In den darauffolgenden Stunden trafen Dutzende ausgebildete Höhlenretter ein und es wurde gemeinsam mit den Behörden ein Rettungsplan entwickelt. Man entschied sich, John mit einem Seilzug herauszuziehen und währenddessen die enge Passage mit einem Bohrer zu erweitern. Doch die Rettungsmission gestaltete sich als äußerst schwierig. Durch die enge Passage kam trotz der Vielzahl an Helfern immer nur eine Person an John heran. Gleichzeitig wurde sein Gesundheitszustand immer kritischer: Er befand sich schon seit 19 Stunden in der gleichen Kopfüber-Position. Seine Kraft und Hoffnung schwanden und sein Herz musste zweimal so stark arbeiten, um das Blut aus seinem Kopf herauszupumpen. Über ein Funkgerät konnte John mit seiner Frau sprechen, die ihn bat, weiterzukämpfen.

Und für eine Weile sah es tatsächlich so aus, als würde sich alles zum Guten wenden. Stück für Stück zog man John an den Seilen hoch, als sich auf einmal eine Ankerbefestigung löste, an der die Seilwinde fixiert war. Das Seil gab nach und der plötzliche Ruck ließ John noch tiefer in das Loch zurückrutschen als zuvor. Gleichzeitig traf ein Karabiner einen der Retter so heftig im Gesicht, dass er die Rettung nicht weiter fortsetzen konnte und ein anderer seine Position einnehmen musste. Doch der Austausch kostete Zeit. Als die Rettung wieder aufgenommen werden konnte, ging Johns Atem nur noch schwach und unregelmäßig. Auf Nachfragen gab er keine Antwort. Um Mitternacht, den 26. November 2009, nach 27 Stunden des Horrors hörte Johns Herz auf zu schlagen.

Die Behörden standen nun vor einer schweren Entscheidung: Die Bergung von Johns Körper war zu schwierig und hätte noch mehr Menschenleben in Gefahr gebracht. Johns Familie musste das Unbegreifliche akzeptieren: Die Nutty Putty Höhle würde für alle Ewigkeit sein letzter Ruheort werden. Eine Woche nach der Tragödie wurde sie für die Öffentlichkeit gesperrt und ihr Eingang zubetoniert. Eine Gedenktafel am Eingang erinnert noch heute an Johns Leben.

Was bleibt?

Warum hat mich diese Geschichte so gepackt? Vielleicht ist es die Frage, wie ein Mensch sich freiwillig einer solchen klaustrophobischen Enge aussetzen kann. Oder das Entsetzen, welches Leiden John in den Stunden vor seinem Tod erleben musste. Vielleicht ist es aber auch der Gedanke, dass John kein leichtsinniger Abenteurer war. Er war ein Vater, Bruder und Ehemann. Er wollte Kinderkardiologe werden. Er wollte nach Hause kommen. Er hat nur eine falsche Abzweigung genommen. Für mich ist diese Geschichte eine Erinnerung daran, dass es manchmal die mutigste Entscheidung ist, umzukehren, wenn man nicht weiß, wohin der Weg führt, und innezuhalten, bevor es kein Zurück mehr gibt.

Quellen

https://science.howstuffworks.com/environmental/earth/geology/nutty-putty-cave.htm

  1. https://youtu.be/o-TaF2DbaWw?si=zIaIh_8VV2aYY7rn ↩︎