Die Simpsons, Avatar und Futurama: Animation made in Nordkorea


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3–5 Minuten

von Florian Reus


Bis vergangenen Freitag haben mich nordkoreanische Filme und Medien genauso wenig interessiert wie die meisten von uns. Ich hatte natürlich gelegentlich Dokus über dieses Regime gesehen und ein ähnliches Bild von Nordkorea wie die meisten Menschen: abgeschottet, autark, mit einem little rocket man an der Spitze, der sich in einem zügellosen Personenkult für Scheinerrungenschaften feiern lässt. 

Als ich also an jenem Abend Foucault las und mich – nur kurz – auf YouTube ablenken wollte, hätte ich nicht erwartet, dass mich ein fünfeinhalb Stunden langes Video (!) des japanisch-amerikanischen YouTubers PaperWill derart für dieses Thema begeistern könnte, dass ich (a) hierüber in der Studizeitung schreibe und (b) tatsächlich alle fünfeinhalb Stunden gucke. 

PaperWill analysiert auf brillante Art und Weise die Geschichte nordkoreanischen Entertainments – natürlich seine Politik und die transportierte Ideologie, und die für Nordkorea so stereotype Absurdität: Entführungen von südkoreanischen Filmstars zum Beispiel, die dann zu einem Remake von Godzilla gezwungen wurden.

So weit, so bekannt. Aber nach etwa 4 Stunden ließ mich eine Aussage dann doch erstaunen:

[Nordkoreas Animationsstudios] haben seit den 1990ern auch an einigen Großprojekten mitgearbeitet wie zum Beispiel dem Simpsons-Film, Avatar: The Last Airbender und Futurama.

Entertainment Made By North Korea – 04:07:00

Das klang für mich zu unglaublich, um wahr zu sein – also prüfte ich nach und tatsächlich: Bis heute hat Nordkorea eine der größten Industrien für Filmanimation weltweit, die auch im Jahr 2024 noch durch verdeckte Netzwerke Serien für den Westen herstellt und so Sanktionen gegen das Regime umgeht. Doch der Reihe nach – wie kam es eigentlich dazu?

Bescheidene Anfänge

Kim Jong-Il (nicht der jetzige, sondern der Typ vor ihm) liebte Filme – und glaubt, dass die Studios seines Landes nicht nur on-your-nose-let’s-love-socialism-together Propaganda, sondern auch gute Unterhaltung produzieren könnten. Er erhofft sich dadurch sowohl eine Aufhellung der politischen Stimmung im Inland als auch gute Schlagzeilen im Ausland – und sieht Kinder als eine wichtige Zielgruppe.

Also fliegt er Mitte der 50er-Jahre ein Team der Pjöngjanger SEK Studios1 in die damalige Tschechoslowakei aus, um dort von den Besten der Besten die Kunst der Cartoons zu erlernen – handgezeichnete Animation. 

1957 kehren sie zurück und gehen an die Arbeit. Die ersten Gehversuche sind etwas holprig, steif erzählt und sind nur für ein inländisches Publikum bestimmt. Aber ab den 1980ern ist das Team der SEK in der Lage, unterhaltsame, (fast) ideologiefreie und handwerklich ausgereifte Filme und Serien zu animieren. Serien wie Der schlaue Marderhund (령리한 너구리, seit 1987 – ein nordkoreanisches Äquivalent zu Löwenzahn) sind dabei nicht nur bei einem heimischen Publikum beliebt, sondern erregen auch die Aufmerksamkeit preisbewusster westlicher Studios.

Besonders die Franzosen und Italiener haben Interesse daran, ihre Serien billig, schnell und trotzdem hochwertig produzieren zu lassen. Passend also, dass das Regime nach dem Fall der Sowjetunion 1991 in Geldnot gerät und beschließt, SEK Studios in eine Outsourcing-Fabrik aufzubauen. Der beste Kunde von SEK ist wohl die italienische Produktionsfirma Mondo TV. In den 90ern und 2000ern entstehen in Pjöngjang somit Klassiker wie Pocahontas, Simba, der Löwenkönig oder Pinocchio (Teil 2).

„Mama, können wir Disney gucken?“ „Kind, wir haben noch Disney zu Hause.“ Disney zu Hause… (Quelle: MondoTV)

Vom Plagiat auf die ganz große Leinwand

Doch die Zeichner bei SEK können mehr als nur Disney kopieren. Als 20th Century Fox die Simpsons– und Futurama-Filme produziert, lässt man die Tweens in Pjöngjang zeichnen, um Kosten zu sparen.

Wenn man einen Film per Hand animiert, müssen mindestens 24 Bilder für jede Sekunde Film gezeichnet werden, damit Bewegungen flüssig aussehen. Manche davon sind Schlüsselpositionen, in denen die Charaktere eine besonders zentrale Haltung einnehmen – diese Bilder nennt man Keyframes. Darüber hinaus müssen aber noch viele weitere Bilder als Übergang zwischen den Keyframes gezeichnet werden – das Zeichnen dieser Tweens ist das Spezialgebiet von SEK.

Wer jetzt aber die Credits des Simpsons-Films ansieht, sucht den Namen SEK Studios vergeblich. Die Zusammenarbeit mit Nordkorea geschah verdeckt: Der Partner 20th Century Fox lagerte die Produktion teils nach Südkorea an die Rough Draft Inc. aus. Rough Draft wiederum beauftragte die SEK. Genauso geschah es bei dem Futurama-Film, und Avatar: The Last Airbender.  

Animation incognito

In den letzten Jahren wurde es aufgrund strengerer Sanktionen still um die 1.500 Zeichner der SEK. Doch sie arbeiten immer noch, sogar für größere Firmen als je zuvor – sie sind nur besser im Verdecken ihrer Spuren geworden.

Dass Staffel 3 der Amazon-Prime-Serie Invincible zum Beispiel auch in Pjöngjang produziert wurde, über Umwege durch chinesische Ko-Produzenten und Subunternehmer, fand 38north erst heraus, als auf einem ungesicherten nordkoreanischen Server Frames mit Kommentaren und Hinweisen in Koreanisch gefunden wurden2.

So können sich auch heute Menschen auf der ganzen Welt – überall außer in Nordkorea – ganz unterbewusst nordkoreanische Animationskunst ansehen. 

Beitragsbild: The Kim Jong-Il Song (The Simpsons, 20th Century Fox)

  1. SEK Studios hatte im Laufe seiner Existenz viele verschiedene Bezeichnungen. Zur Einfachheit nenne ich es hier nur SEK. ↩︎
  2. https://www.38north.org/2024/04/what-we-learned-inside-a-north-korean-internet-server-how-well-do-you-know-your-partners/?__cf_chl_tk=kyktZGERpNgr5qS67xselCoZnFlduVbTucHRJ_xGPRo-1733347080-1.0.1.1-3vXKEj09y1e0Z4iPLAtaQUEdLQ0SX1FYVBFEtbwNyI4Fu%C3%9Fnotentext ↩︎