Trumps Gefolge und der „amerikanische Kreuzzug“


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Wie mich die Mittelalter-Vorlesung in ein Rabbit Hole zur aktuellen Rezeption der Kreuzzüge springen ließ

von Timo Diener


Alle kennen es: Oft sitzt man in einer Vorlesung, hört dem Besprochenen zu und denkt sich: Was hat das eigentlich alles mit mir zu tun? Manchmal wird man aber auch in Vorlesungen auf Dinge aufmerksam, die einen in der Realität schneller einholen, als man es möchte.

Ich studiere im ersten Mastersemester Geschichte mit dem Schwerpunkt in der Neuesten Geschichte. Als in diesem Semester von Prof. Mauntel aus dem Mittelalter eine Vorlesung zum Thema Kreuzzüge angeboten wurde, hat sie mich sehr interessiert. „In aller Ruhe ein bisschen was über eine lang vergangene Epoche lernen”, dachte ich mir. Diese Illusion wurde direkt in der ersten Vorlesung grundlegend zerstört: Wie man es gerne so macht, wird versucht, den Studierenden am Anfang der Vorlesung die Relevanz eines Themas näherzubringen. Okay, klar: Aber wie soll das bei den Kreuzzügen gehen? Es geht. Und ist leider ziemlich wichtig für alle.

Die Kreuzzüge waren nie ganz weg und spielten auch in den vergangenen Jahren eine große Rolle, beispielsweise durch George W. Bush, der als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 zu einem Kreuzzug gegen den Terrorismus aufrief. Doch gerade jetzt wird diese Zeit wieder ungewollt relevant und das hat mit dem Wahlsieg von Donald Trump zu tun.

Bereits in der Vorlesung haben wir uns ein Bild von Donald Trump Jr. angesehen, welches er auf Instagram hochgeladen hatte. Dort präsentierte sich der Sohn des künftigen US-Präsidenten stolz lächelnd mit einer Waffe in seinen Händen. Die Waffe muss speziell für ihn angefertigt worden sein, denn neben einem Bild von Hillary Clinton hinter Gittern und einem angedeuteten Ritter findet sich dort das Wappen des Königreichs Jerusalem. Das Wappen besteht aus einem großen Kreuz, um das herum vier weitere kleine Kreuze angebracht sind. Entstanden ist das Königreich Jerusalem, nachdem ein christliches Heer im sogenannten Ersten Kreuzzug Jerusalem von den Fatimiden (muslimisches Reich) erobert hatte. Donald Trump Jr. stellt sich mit dem Wappen auf seiner Waffe genau in der Tradition der sogenannten Kreuzzüge. Die Aussage mit dem Symbol ist klar islamfeindlich gemeint und drückt einen bedingungslosen Kampf für das Christentum aus. In rechtsextremen bis radikalchristlichen Gemeinden – gerade in den USA – ist das Symbol hierfür bekannt.

Okay, dachte ich: Das wäre mir vorher gar nicht aufgefallen. Wie es ein so schöner Mechanismus in meinem Kopf ist, versuchte ich mich irgendwie zu beruhigen: Ist vielleicht nicht schön, aber immerhin hat Donald Trump Jr. in der Regierung formal keinen Posten. Zum Zeitpunkt der Vorlesung nominierte Donald Trump gerade noch sein Kabinett zusammen. Ein paar Tage später sah ich einen Artikel in der “Süddeutschen Zeitung” mit dem Titel “Trumps Verteidigungsminister: Warum sein Tattoo ein Symbol der Rechten ist”1. Neugierig, aber vor allem angsterfüllt klickte ich auf den Artikel: Donald Trump hat Pete Hegseth, den früheren Moderator von seinem Lieblingssender Fox News zum Verteidigungsminister erklärt. Auch er prahlt mit dem Symbol des Königreiches Jerusalem, nur hat er es sich nicht nur in sein Gewähr eingravieren lassen, sondern es sich praktischerweise gleich direkt in überdimensionierter Form auf die rechte (welche auch sonst?) Brust tätowieren lassen. Aber das ist nicht sein einziges Tattoo: Zudem ziert seinen rechten Oberarm eine US-Flagge, auf der der unterste Streifen ein Gewähr darstellt. Auch das ist erschreckend, für den Kreuzzugs-Zusammenhang ist aber sein Tattoo direkt daneben relevanter: Dort steht der Schlachtrufuf “Deus Vult”. Diesen sollen die gewaltbereiten Menschen gerufen haben, nachdem der damalige Papst Urban II. 1095 zum sogenannten Ersten Kreuzzug aufgerufen hatte.

Die Kreuzzugsidee ist Pete Hegseth ein besonderes Anliegen. 2020 widmete er ihr mit dem Buch “American Crusade. Our Fight to Stay Free”2 ein ganzes Buch. Der Guardian berichtete ausführlich darüber und resümiert, dass Hegseth in seinem Buch eine religiöse Dimension aufmache, bei der alles unternommen werden müsse, um linke Ideen, die in seinen Augen eine Art falsche Religion bilden, zu unterdrücken. Einen Einsatz des Militärs, um diesen Kampf im Inneren zu führen, schließt er im Buch nicht aus. Auch über die Muslime schreibt er abenteuerliche Sätze: “Just like the Christian crusaders who pushed back the Muslim hordes in the twelfth century, American Crusaders will need to muster the same courage against Islamists today” (So wie die christlichen Kreuzfahrer, die im 12. Jahrhundert muslimische Horden zurückschlagen, müssen amerikanische Kreuzfahrer heute genauso mutig sein gegen die Islamisten) zitiert ihn MediaMatters3

Als Donald Trump die Wahl gegen Kamala Harris gewann, dachte ich, es könnte nicht schlimmer kommen. Nach der Beschäftigung mit seinem Verteidigungsminister Pete Hegseth bin ich mir unschlüssig, wer die größere Gefahr von beiden ist. Immerhin weiß ich jetzt, die Symbole und die Person einzuordnen. Besser geht es mir damit nicht – im Gegenteil: Die Sorge hat sich nur vergrößert.

  1. https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/us-verteidigungsminister-pete-hegseth-tattoo-kreuzritter-rechtsradikale-e692217/ ↩︎
  2. https://www.amazon.de/American-Crusade-Fight-Stay-Free/dp/154605927X ↩︎
  3. https://www.mediamatters.org/pete-hegseth/pete-hegseths-book-includes-complaints-about-muslims-birth-rates-praise-crusaders-who ↩︎