ein Beitrag von Florian Reus
Man kennt es – das Geld ist viel zu knapp und mit der Abschlussarbeit kommt man auch nicht so wirklich voran, stattdessen wird fleißig prokrastiniert. Gott sei Dank, gibt es liebe Menschen, die dir in solchen Lebenslagen verständnisvoll unter die Arme greifen – denn wusstest Du, dass Du dir jede Menge Geld vom Finanzamt als Erstattung zurückholen kannst? Und Probleme bei der Abschlussarbeit? Verstehen wir voll, aber mach einfach ein kurzes Seminar und dann schreibst du das Ding in 30 (!) Tagen – oder deine Hausarbeit in 24 Stunden!
Wem diese Versprechen bekannt vorkommen, ist im Netz wahrscheinlich schon einmal der Hochschulinitiative Deutschland begegnet. In ihren Werbespots, die zumindest mir inflationär oft auf YouTube und Co. angezeigt werden, werden kostenlose Online-Seminare angepriesen, die dir in diesen Lebenslagen die nötigen Skills und Tricks vermitteln sollen. Lern Excel, um im nächsten Job zu glänzen. Besuche das Thesis-Seminar, um endlich herauszufinden, wie Du jeden Tag 5 Seiten (!) für deine BA schaffen kannst. Und natürlich: Setzt deine Studienausgaben von der Steuer ab und hole dir deine 1.000€ zurück – „Finanzämter hassen diesen Trick (sic!)“.
Wie kann das funktionieren? Klingen solche Versprechen nicht zu gut, um wahr zu sein? Dieser Artikel soll die Hintergründe hinter der Hochschulinitiative transparenter machen – und warum Du eine Teilnahme an einem ihrer Seminare lieber noch einmal überdenken solltest.
(K)Eine selbstlose Initiative von nebenan
Anders als man beim Namen zunächst vermuten würde, stecken hinter der Hochschulinitiative weder ein Netzwerk von Hochschulen noch eine Gruppe von Studierenden.
Denn getragen wird die Plattform von der 2016 gegründeten Uniwunder GmbH aus Dresden. Doch obwohl die Uniwunder von „unserem kostenlosen Online-Seminar“ spricht, ist sie für den Content auf der Hochschulinitiative-Seite auch nicht verantwortlich. Die Seminare werden nämlich von Mitarbeitenden der MLP durchgeführt – einem milliardenschweren Versicherungs- und Finanzkonzern aus Süddeutschland, der über 30 Millionen Euro und 600 neue Stellen in die Akquise von „jungen Kunden“ investiert hat. „Junge Kunden“ sind für MLP vor allem Studis aus den Bereichen Jura, Medizin und BWL – schließlich gilt auch hier: je früher, desto besser. Gelingt es MLP, schon vor dem Ende des Studiums Personen aus diesen kaufkräftigen Bereichen als Kunden für seine Versicherungen und Finanzdienstleistungen zu gewinnen, holt man die 30 Millionen locker wieder rein.
Kann man dann also wirklich davon ausgehen, dass die Hochschulinitiative fokussiert auf deine Bedürfnisse agiert?
Was ihr geboten bekommt
Doch wollen wir nicht vorschnell urteilen: Wenn man die Webseite der Initiative besucht, bekommt man tatsächlich einiges geboten, was auf den ersten Blick nützlich erscheint: Links zu den am Anfang erwähnten Seminaren, Blogartikel, eine Jobbörse und vielen Ressourcen zum kostenlosen Download.
Aber selbst wer sich zum Beispiel nur die „Checkliste für die Bachelorarbeit“ herunterladen möchte, muss vor dem Download seine Daten inklusive Telefonnummer („Damit wir dich über Änderungen informieren können“) angeben. Damit wirst du für MLP zum Lead – eben einem potenziellen Neukunden – und kannst dich auf nette E-Mails und Anrufe von Beratern einstellen.
In meinem kleinen Selbstversuch blieb es bei E-Mails, wenn der Kontakt zu MLP aber nach einem Seminar persönlicher wird, kann das schnell anders aussehen (siehe unten). Und aus meiner Sicht bekommt man dafür, dass man sich zu einem Datenpunkt in MLPs Lead-Kartei macht, keinen ausreichenden Gegenwert. Die von mir heruntergeladene Checkliste bietet simple Formulierungshilfen und Tipps für die BA, die man sowieso kennen sollte, wenn man jemals eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben hat und auch nichts, was man nicht einfach über Google finden könnte.

Seminare: Viel versprochen – nichts dahinter
Doch das Herzstück der Hochschulinitiative ist und bleiben die von MLP-Mitarbeitenden veranstalteten Seminare – besonders beliebt: das Steuerseminar mit bisher über 100.000 Absolvierenden. Studierende werden hier mit dem Versprechen gelockt, sich angeblich viel Geld vom Finanzamt zurückholen zu können – und wer kann in der aktuellen Situation nicht mehr Knete auf dem Konto gebrauchen? Diese Erwartungen werden jedoch oft enttäuscht – denn die meisten Studis werden realisieren, dass ihre Rückerstattung eher circa null Euro betragen wird. Warum das so ist, hat Franziska vom Augsburger Studimagazin Presstige bereits treffend analysiert:
„[Die beworbene Rückerstattung handelt] von sogenannten Werbungskosten. Darunter fallen dein neuer Laptop, der Schreibtisch, Fachliteratur, der Weg zur Uni und vieles mehr. Diese Ausgaben haben wir sicher alle – zurück bekommen wir in den meisten Fällen trotzdem nichts. Das liegt daran, dass die Werbungskosten nur geltend gemacht werden können, wenn es sich bei den Kosten um Ausgaben im Rahmen einer Zweitausbildung handelt. [… Diese Ausgaben werden in diesem Falle einem Verlustvortrag zugerechnet.] Alle mit einer Erstausbildung gehen in diesem Fall leer aus. Die Hochschulinitiative macht das in ihrer Werbung nicht deutlich […]. Mit einem Studium an einer staatlichen Universität werdet ihr wohl kaum Ausgaben in dieser Höhe haben, dafür müsstet ihr auch noch Studiengebühren bezahlen. Vorgerechnet hat es der YouTube-Kanal Pocket Money: Um eine Summe von 6000€ zu erhalten, müsstet ihr einen Verlustvortag aus eurer Zweitausbildung von stolzen 21.900€ mitbringen. Und wäre das nicht schon genug, solltet ihr zudem im ersten Jahr eures Jobs satte 39.200€ verdienen.1“
Kurzum ist das Versprechen eine Halbwahrheit, ein Lockangebot, um euch in Kontakt mit MLP-Mitarbeitenden zu bringen – und das auch deutlich intensiver als bei den kostenlosen Downloads.
Denn nach jedem Seminar gibt es auch ein individuelles Gespräch, in dem eigentlich Fragen zum Thema geklärt werden sollen. Der Inhalt der Gespräche wandelt sich jedoch schnell: Statt über Excel ging es bei Lisa dann doch eher um ihre finanzielle Situation und Altersvorsorge. Immer wieder kontaktierten sie MLP-Berater mit überteuerten Versicherungsverträgen, bis sie stutzig wurde und den weiteren Kontakt ausdrücklich ablehnte2.
Eigene Meinung
Sagen wir es doch, wie es ist – die Hochschulinitiative ist ein weiterer Versuch von MLP, Zugang zu neuen Kunden zu erhalten. Eure persönlichen Bedürfnisse sind dabei allenfalls sekundär. Wer sich bei der Hochschulinitiative anmeldet, kann das tun – die gebotenen Inhalte sind aber eher unterdurchschnittlich für den Preis, den ihr mit euren Daten indirekt zahlt. An allen Ecken des Internets findet man hier wesentlich besseren Content – kostenlos und ohne Hintergedanken, euch eine Versicherung verkaufen zu wollen. Für Tutorials ist YouTube auch 2024 noch der beste Ort.

