ein Beitrag von Jona Lemke · erstmals erschienen im Campuskater 2
Ich bin non-binär, das heißt, ich identifiziere mich weder als weiblich noch als männlich. Non-binär ist ein „Umbrella-Term“, der weitere Sub-Identitäten wie genderfluid, bigender oder agender beinhaltet aber auch alleine stehen kann. Da die Geschlechtsidentität von non-binären Menschen meist nicht mit der bei der Geburt zugewiesenen Identität übereinstimmt, sind sie auch trans*. Trans* ist ebenfalls ein Überbegriff, der Transfrauen (Mann zu Frau trans), Transmänner (Frau zu Mann trans) und andere Identitäten, die nicht oder nicht vollständig mit der bei der Geburt zugewiesenen Identität übereinstimmt, beinhaltet. Es muss sich aber nicht jeder non-binäre Mensch explizit trans* nennen, und nicht alle gehen Schritte der Transition, also beispielsweise Änderung von Namen und Pronomen (soziale Transition) oder Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen (medizinische Transition).
Dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, mag wie ein neuer Trend erscheinen und ist im westlichen öffentlichen Diskurs vor allem in den letzten zehn Jahren präsenter geworden.
Doch Geschlechtervielfalt außerhalb des Binären ist in anderen Kulturen teils schon seit tausenden von Jahren etabliert. Beispiele sind die Two-Spirit-People aus dem indigenen Nordamerika, Hijras in Indien, irawhiti und ira kore people der indigenen Māori in Neuseeland1. Trans* und non-binäre Menschen sind eine Minderheit, die häufiger als die restliche Bevölkerung von Diskriminierung, verbaler und physischer Gewalt, schlechteren Job- und Wohnungschancen betroffen ist. An der Uni ist es mittlerweile Standard geworden, zu gendern und sich inklusiv zu geben, aber ist die Uni Osnabrück tatsächlich ein guter und safer Ort für non-binäre Menschen?
Was gut läuft an der Uni
Lobend herausheben muss ich zuallererst, dass es für mich tatsächlich sehr einfach war, meinen Namen und Personenstand an der Uni zu ändern. Die amtliche Änderung habe ich noch nicht, d.h. mein Personalausweis, mein Bankkonto, Versicherungen etc. laufen alle noch über meinen alten Namen.
Die Namensänderung an der Uni konnte ich wie gesagt trotz, dass ich noch keine amtliche Änderung habe, bereits durchführen. Dafür habe ich mich an das Gleichstellungsbüro gewendet, hatte ein kurzes Beratungsgespräch und habe dann eine Erklärung ausgefüllt und unterschrieben. Wichtig zu beachten ist, dass die Uni ab dem Zeitpunkt der Änderung alle Dokumente nur noch auf den neuen Namen ausstellt. Das schließt alle Bescheinigungen für Kurse, Zeugnisse und Immatrikulationsbeschei- nigungen ein. Das kann eventuell problematisch werden, wenn mensch eine Immatrikulationsbescheinigung für menschs Kindergeld oder Bafög einreichen muss und das noch über den alten Namen läuft aufgrund von amtlichen Dokumenten etc. Ich weiß aber von anderen trans* Menschen, dass sie in Einzelfällen aus diesem Grund noch eine Immatrikulationsbescheinigung auf ihren alten Namen bekommen haben, das scheint also noch irgendwie möglich zu sein.
Nur zwei Wochen, nachdem ich meine Erklärung beim Gleichstellungsbüro abgegeben habe, war die Änderung im Unisystem auch schon erledigt und ich konnte mir eine neue Campuscard erstellen. Auf Wunsch hab ich auch eine neue Uni-Mailadresse bekommen, die Benutzerkennung lässt sich aber leider aus technischen Gründen nicht ändern. Die Menschen von der LGBTQI* Beratung des Gleichstellungsbüros, mit denen ich gesprochen habe, waren wirklich sehr nett und hilfsbereit und haben mir unter anderem angeboten, Lehrenden von mir wegen meiner Namensänderung Bescheid zu sagen.
💡 Hier könnt ihr zum Gleichstellungsbüro Kontakt aufnehmen
Was mich außerdem freut, ist dass im neuen Studizentrum neben der Mensa Schlossgarten tatsächlich kein Geschlecht mehr an den Toiletten steht, sondern nur noch „Sanitär(raum?)“. An den Toiletten in der Mensa am Schlossgarten ist immerhin ein „alle Geschlechter“ Zeichen, wo früher ein weibliches und ein männliches Symbol war. Am Westerberg ist die Situation leider noch nicht so progressiv, hier sind die Toiletten noch binär aufgeteilt; allerdings habe ich allgemein weniger Paranoia als meist weiblich gelesene Person auf das Männerklo zu gehen als an anderen Orten.
Wenn ich mich bei Lehrenden geoutet habe, war das nie ein Problem. Ich kriege insgesamt viel Support, z.B. von einem Prof, für den ich arbeite, und von vielen meiner Freund*innen. Ich habe auch das Gefühl, dass die queere Community ganz gut vernetzt ist, beispielsweise gibt es vom AStA einmal im Monat den queeren Stammtisch und einmal im Monat den INTA (Inter, Non-binär, Trans* und Agen- der) Stammtisch. In den letzten Semestern habe ich auch den Eindruck, dass das Queerref und das Femref mehr und mehr Veranstaltungen und inter- essante Workshops organisieren (das war natürlich auch lange nicht möglich wegen Corona).
Was noch holprig läuft an der Uni
Als ich mich Anfang des Wintersemesters 22/23 wieder mal um 8 Uhr morgens übermüdet an den PC setzte, um mich beim Hochschulsport anzumelden, wurde ich in meiner Hektik, die Anmeldung schnell auszufüllen, abrupt gebremst als ich ver- pflichtend eine Anrede (Herr/Frau) wählen musste. Ja, das ist völlig egal für den Ablauf der Kurse, die Leiter*innen sind meist verständnisvoll und es mag wie eine Kleinigkeit erscheinen. Trotzdem sind solche Momente blöd und lassen mich manchmal an der Progressivität der Uni zweifeln. Ich habe dem Zentrum für Hochschulsport eine Mail geschrieben, und ich habe eine nette Antwort bekommen in der stand, dass das Problem bekannt ist und an einer Lösung gearbeitet wird.
Was ich außerdem schade finde, ist dass ich selbst als Cognitive Science Studi nicht viele andere Leute an der Uni sehe, die ihre Pronomen deklarieren (mehr dazu unten im Q&A).
Des Weiteren ist das Binäre noch tief verankert in vielen Strukturen. Es wird immer noch „meine Damen und Herren“ gesagt, auch sprechen viele Lehrende Menschen mit Herr oder Frau Soundso an, was mensch durch [Vorname Nachname] (v.a. in Mails) ersetzen könnte (so wird es beispielsweise auch vom Gleichstellungsbüro empfohlen). Meis- tens nehmen Menschen, auch Studierende, an, ich sei weiblich, wenn ich nicht sofort meine Namen und Pronomen klarstelle. Anders als in der „Welt da draußen“ muss ich dann wenigstens meine Identität nicht erstmal erklären, weil das Wissen um Geschlechtervielfalt an der Uni sehr verbreitet ist, vor allem unter Studierenden. Trotzdem bin ich oft enttäuscht, dass mich noch nie jemand gefragt hat, wie ich angesprochen werden will und meistens automatisch mit weiblich gegenderten Worten auf mich Bezug genommen wird – auch von Studierenden. In dieser Hinsicht ist es wie gesagt kein großer Unterschied zum Rest der Gesellschaft, es ist wie gesagt dann immerhin einfacher für mich, meine bevorzugten Worte klarzustellen.
Q&A zum Thema Pronomen
Warum neo-Pronomen?
Klar, einige Neopronomen (wie „sier“, „hen“ oder „dey“) sind ungewohnt und erscheinen erstmal komisch. Sich an ein neues Wort zu gewöhnen kostet dich aber weniger, als es eine trans* Person kostet, sich ständig falsch angesprochen zu fühlen. Stell dir vor, andere reden über dich mit einem Pronomen, das du nicht benutzen willst…
Außerdem ist vieles hauptsächlich Gewohnheits- / Übungssache. Ich weiß von anderen und mir persönlich, dass ich es am Anfang auch schwierig fand, immer zu gendern, ich es aber heute meistens fast automatisch mache. Tipp: wenn du nicht weißt, welches Pronomen eine Person gerade benutzt, kannst du eigentlich auch immer einfach den Namen der Person sagen (z.B. „Noah trägt Noahs Einkäufe nach Hause“).
Warum soll ich als cis-Person meine Pronomen in meine Bio/Signatur schreiben oder sagen?
Natürlich muss das niemand tun, aber es hilft trans*Menschen, wenn auch cis-Personen (cis ist das Gegenteil von trans, also Menschen, deren Identität mit der, die ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, übereinstimmt) ihre Pronomen deklarieren, um den offenen Umgang mit Pronomen zu normalisieren. Außerdem verhindert es, dass es immer nur trans* Menschen sind, die das tun – zumal man einer Person nicht automatisch ansieht welche Pronomen mensch benutzt.
Die Lösung ist nicht einfach jede Person, die einem androgyn erscheint, nach Pronomen zu fragen, sondern diese Frage bei jeglicher Person, die man neu kennenlernt zu normalisieren.
Ich persönlich habe mir mittlerweile schon ganz gut angewöhnt, meine Pronomen direkt zu meinem Namen dazu zu sagen, wenn ich mich wo vorstelle oder wen neu kennen- lerne. Meine Erfahrung ist aber, dass ich selbst in meiner linken Studi-Bubble damit meist ziemlich alleine bin. Es freut mich jedes Mal, wenn auch cis-Menschen ihre Pronomen sagen, weil das auch der Vorstellung entgegenwirkt, dass mensch allen ihre Pronomen ansehen kann – das ist nicht so.
Eine Person misgendert jemanden in einer Gruppe. Darf ich die Person korrigieren?
Ja! Wenn die betroffene Person vorher allen in der Gruppe ihre Pronomen gesagt hat, dann sind die zu respektieren. Meistens ist es an der misgenderten Person selbst, andere zu korrigieren. Wenn du das übernimmst, nimmst du der Person einfach nur Arbeit ab und zeigst ihr, dass du für sie einstehst. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass ich ständig misgendert werde und es wirklich erschöpfend ist, ständig andere zu korrigieren – ich persönlich bin froh, wenn andere das für mich machen.
Ich habe selbst wen misgendert…
Fehler zu machen bei neuen Pronomen ist völlig normal und passiert uns allen mal. Mir selbst auch! Das beste, was du dann machen kannst, ist dich kurz (!) zu entschuldigen, dich zu korrigieren und einfach weiterzureden. Manche Menschen entschuldigen sich überschwänglich, wenn sie wen misgendern, und das bringt die betroffene Person in eine blöde Lage. Manchmal scheint es dann, als ob mensch sich selbst entschuldigen muss, dass mensch solche Umstände verursacht, dabei will mensch eigentlich nur korrekt angesprochen werden. Das ist weder angenehm noch fair.

- Wer sich mehr dafür interessiert: http://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/geschlechtliche-viel- falt-trans/245271/kulturelle-alternativen-zur-zweigeschlechter- ordnung-vielfalt-statt-universalismus/ ↩︎

