
Für mich stand schon früh fest, dass ich ein Auslandssemester absolvieren möchte. Einmal im Ausland zu leben, stellte ich mir unglaublich cool vor, bereichernd für meinen Lebenslauf und meine persönliche Entwicklung.
Voller Tatendrang informierte ich mich auf der Seite des International Office, liebäugelte mit zahlreichen Universitäten, musste Universitäten aus meinen Träumen streichen und war überfordert mit der Bewerbung.
Zwar war es auch mein Traum, in die USA zu gehen und mir das Collegeleben wie im Fernsehen zu geben, aber dieser Traum platzte direkt an den Finanzen. Egal, da gibt es ja noch genügend Kooperationen in Europa, und meine Sprachkenntnisse lagen mir dabei besonders am Herzen. Spanisch ist mein Nebenfach, aber fließend war ich bei weitem nicht. Gleichzeitig interessierte ich mich auch sehr für Frankreich – meine Französischkenntnisse aus der Schulzeit verstaubten seit einiger Zeit jedoch in meinem Hinterkopf.
Am Ende gewann Spanisch das Rennen. Auch, weil meine Kenntnisse gerade dafür reichten, mich an den spanischen Partneruniversitäten zu bewerben, während mein Französisch schon zu lange ungenutzt blieb. Mon dieu.
Granada war am Ende die Uni meiner Wahl, vor allem, weil ich schon sehr lange nicht mehr in Andalusien war und ich einfach mal gutes Wetter im Winter haben wollte. Oder vielleicht einfach mal gutes Wetter an sich. In Osnabrück ist es ja schließ- lich gefühlt nur dunkel, nass und kalt. Spanien an sich ist natürlich für gutes Wetter prädestiniert, aber als Hinweis sei gesagt, dass der Norden – so schön er landschaftlich auch ist – im Winter gerne ein Wetter aufweist, wie es das sonst nur Osnabrück kann.
Dennoch kann ich nicht behaupten, mit einem guten Gefühl in den Flieger gestiegen zu sein. Stolz kann ich an dieser Stelle behaupten: Es lag nicht an meiner Flugangst. Aber ich hatte Angst. Einmal im Flieger, komme ich für Monate nicht nach Hause, ich bin weit weg von meiner Familie, meinen Freunden, meinem gewohnten Leben.
Zuvor habe ich wochenlang nach einer Wohnung gesucht. So schwer kann das nicht werden, dachte ich, schließlich hab ich auch oft genug gehört, dass das Angebot in Granada – einer Studentenstadt par excellence mit der höchsten Anzahl an Internatio- nals in Spanien – genügend ist. Wie falsch dieser Gedanke war, erschlich mich spätestens nach drei Tagen, in denen ich mich nur mit Scammern unterhalten habe.
Diese Scammer machten mich wahnsinnig. So wahnsinnig, dass ich einen mentalen Zusammenbruch hatte (allerdings war es auch die Klausurenphase, vielleicht hat es sich also einfach nur summiert) und ich diese Aufgabe an meine Mutter abgab, bis ich mit dem Sommersemester abgeschlossen hätte. An dieser Stelle möchte ich also ein großes Danke an meine Mama weitergeben, da ich weiß, dass nicht jeder diese Möglichkeit hat.
Am Ende hat meine Mama auch eine Wohnung gefunden, das Unternehmen im Handelsregister überprüft und das Zimmer gemietet. Eine 7er-WG mit Internationals. Naja, ich habe bisher zwar nur alleine gewohnt, aber in Spanien soll eine WG wohl besser sein, dachte ich.
Am Ende stand ich mit meinen Eltern in dieser Wohnung im Zentrum, beste Lage, renoviert. Mir ist eine riesige Last von den Schultern gefallen. Sie existierte.
Meine Angst vor der Einsamkeit, sie erübrigte sich ebenfalls schnell. Granada ist extrem gut aufgestellt, was die Vernetzung angeht. ESN organisiert keine Welcome Week, sondern eine Welcome Month, mit bis zu 3 Aktivitäten jeden Tag. Auch nach der Welcome-Zeit organsierten sie die ganze Zeit durch eine Vielzahl von Aktivitäten. Zu meinen Favoriten zählen die Tapasabende am Montag, die Jam Sessions, der Buchclub und Zumbatanzen im Park. Aber auch Sportwettkämpfe und Clubnächte werden organisiert.
Meine Mitbewohner*innen hingegen, verbesserten das Problem eher weniger. Es sei nur gesagt: Küchen macht man sauber, und Wände sind in Spanien dünn.
Die Universidad de Granada hat mehrere Campus, der Fachbereich der Politikwissenschaften befand sich dabei glücklicherweise in Zentrums- und Wohnungsnähe. Granada ist dabei allerdings auch keine riesige Stadt. Egal wo man hinwollte, man erreichte so gut wie alles zu Fuß. Und so war es am Ende tatsächlich auch recht egal, wo man wohnte, irgendwie war alles zentrumsnah.
Akademisch gesehen überraschte mich am meisten, dass die Spanier*innen überall Klausuren schreiben und auch viele Arbeiten während des Semesters leisten müssen. Gruppenarbeiten, Einzelarbeiten, alles war dabei. Kleine Hausarbeiten während des Semesters, einen Podcast aufnehmen, eine Stadtführung machen, Press Reviews erstellen. Es war mehr Abwechslung als das, was ich gewohnt bin aus Osnabrück, aber es war auch anstrengend. Dabei war es zum Anfang des Semesters, welches im September startet, sehr entspannt. Deshalb mein Rat: Wenn ihr herumkommen wollt, geht direkt am Anfang des Semesters oder nach der Prüfungsphase.

Die Stadt selber ist vor allem eines: wunderschön. Nicht nur die Alhambra und das Viertel Albayzín, auch das Zentrum und eigentlich alles dort sieht super aus, es ist sauber. Auch als Frau kann man dort beruhigt in den Abendstunden alleine laufen, weil die Spanier*innen die Nacht zum Tag machen und das Leben nicht um 18 Uhr endet. Nur in Albayzín und im Norden der Stadt sollte man sich nachts nicht unbedingt aufhalten.
Die Stadt ist jung, und das merkt man auch an den Geschäften. Es gibt viele Cafés, Second-Hand Läden, vegane Bäckereien aber auch individuelle Geschäfte. Ketten sieht man in der Innenstadt eher weniger, auch, da es außerhalb ein riesiges Ein- kaufszentrum gibt, welches sehr gut über die Straßenbahn erreichbar ist. In Granada wurde mir nie langweilig. Und auch das Essen zeugte von Qualität und war super günstig.
Das Einzige, was mich wirklich irritierte, war die Weihnachtsstimmung. Es ist merkwürdig, bei 20 Grad an einer Eislaufbahn zu stehen und über einen Weihnachtsmarkt zu laufen, der drei Buden hat und die allesamt nur Krippenfiguren verkaufen.
Am Ende standen dann die Klausuren an und doch noch eine Hausarbeit, die eine Klausur ersetzte, da wir in dem Seminar insgesamt 5 verschiedene Pro- fessor*innen hatten. Man muss sich definitiv vorbereiten, aber ich würde sagen, dass sie vom Schwierigkeitsgrad so sind wie die in Deutschland. Doch es gab auch einige Professor*innen, die gerne viele durchfielen ließen. Somit war es auch davon abhängig, welches Seminar man genommen hat.
Ich habe mich trotz aller Ängste zu Anfang in Granada verliebt, und ich habe mir selber versprochen, öfter zurückzukehren. Mein Spanisch habe ich dabei allerdings nicht so sehr verbessert, wie es mir lieb war. Der andalusische Dialekt ist nicht ganz ohne, und drei von vier Kursen belegte ich aus Angst dann doch lieber in Englisch.
Außerdem musste ich nach kurzer Recherche feststellen, dass mein Fachbereich keine Kooperation mehr mit der Universidad de Granada hat. Für
mich persönlich ist das absolut nicht nachvollziehbar. Aber ich bin mir sehr sicher, dass die anderen Angebote für Spanien genauso gut sind und die Städte ebenfalls ihren Charme haben. Spanien lohnt sich, nicht nur für Urlaub. Es ist jedoch gut möglich, dass man nach einem Auslandssemester mit dem Gefühl der Arbeit und des Lernens nach Spanien fliegt und es erstmal schwer fällt, dort mit Urlaubsstimmung anzukommen.
ein Beitrag von Ayleen Over · erstmals erschienen im Campuskater 2

